Hans Faust

- Kein Heldenepos -


Tod im Birkenmoor

Die Waffe schweigt, die weißen Rinder bringen
der Göttin Wagen, und die Menschen singen:

Gelobt seist du, die uns herabgestiegen,
den Hunger und die Feindschaft zu besiegen!

Der Priester lässt zur Herberg Nerthus führen,
er, der ihr Tuch alleine darf berühren.

Gar mancher träumte spät bis in die Frühe,
welch holdes Antlitz wohl darunter blühe.

Man opfert’ viel, und recht behaglich machte
man es der Göttin, die den Frieden brachte.

Von nun an schwiegen Sorgen, Krieg und Klage,
und man beging manch freundliches Gelage.

Da war ein Schmausen, Lachen und ein Zechen,
es floss der Met in endlos wilden Bächen.

Doch einmal sprach die Göttin recht verdrossen:
Gastfreundschaft hab ich lange hier genossen,

Spannt meine weißen Rinder vor den Wagen,
die werden eilend mich nach Asgard tragen.

Gebt mir auch Sklaven mit vor eurem Tore,
dass sie mich waschen in dem Birkenmoore.

Die Weiber flehn auf Knien, sie möge bleiben,
die Kinder sieht man weinend Augen reiben.

Die Männer schleichen fort auf leisen Sohlen,
die Streitaxt aus der Hütte sich zu holen.

Der Wagen rollt, die weißen Rinder fliegen
dem Moore zu, wo sich die Birken wiegen.

Und wo die Zweige sich zum Wasser neigen,
sieht man die Göttin aus dem Wagen steigen.

Wie düster liegt das Moor im Sonnenscheine;
die Sklaven folgen nach bis hin zum Haine.

Mit Krügen, um das Wasser herzutragen,
sind sie zurück und waschen Rind und Wagen.

Als diese Arbeit endlich ist beendet,
der Sklaven Blick zum Moore hin sich wendet.

Sie alle müssen in das Wasser gehen:
nur einer darf die Göttin selber sehen.

Wenn dann das letzte Haupt im Moor verschwindet,
die Göttin Nerthus sich des Tuchs entbindet,

Entledigt sich der Kleider, sie zu geben
dem letzten Sklaven, der noch ist am Leben.

Beim Waschen lässt sich’s dieser nicht entgehen,
auch ab und an zur Göttin hinzusehen.

Ihr Anblick selbst ist schon mir ein Entzücken,
so sanft das Antlitz und so schlank der Rücken,

So rot das Haar, so zierlich ihre Brüste,
dass ich nichts besseres zu träumen wüsste.

Ach, wär sie doch von Menschen statt von Göttern,
ich wollte sie ein Leben lang vergöttern.

Die Göttin kommt, er spricht zu ihr vermessen:
Dein heutges Bad wirst niemals du vergessen!

Tatsächlich ist die Göttin sehr zufrieden
und hat ihm dies nach ihrem Bad beschieden:

Noch niemals hat man mich so sanft berühret,
nie hab ich meinen Körper so verspüret,

Nie fühlte ich so liebevolle Hände;
wärst du statt Sklave doch ein Gott am Ende!

Bevor ich mich zum letzten Mal verneige,
bevor auch ich ins Moorgewässer steige,

Will ich dich noch in einem überraschen:
es war kein Sklave, der dich heut gewaschen.

Ein Jäger war’s, voll Neugier und Verlangen,
und mit den Sklaven ist er drum gegangen.

Dies kann die Göttin Nerthus schwerlich fassen:
Um mich zu sehn, willst du dein Leben lassen?

Erkenntnisdrang besiegt die Angst vorm Tode;
nun, junger Freund, dein Beispiel ist nicht Mode.

Wir werden uns, dies Wort kann ich dir geben,
einst wiedersehn in deinem nächsten Leben.


Ouvertüre

1. Scherzando

Ein bös Furunkel! heißa, ein Furunkel!
Und dieser Tag war nicht umsonst gelebt!
Du, Mädchen, bringst mir Licht in all das Dunkel,
das Tag und Nacht mir Herz und Sinn umwebt.
Nimm diese Salbe abends und am Morgen,
bis der Furunkel von der Haut sich hebt.
In einer Woche hast du keine Sorgen
und fängst dann schmerzensfrei zu nähen an.
Meine Begeistrung blieb dir nicht verborgen:
da steht nun Faust, der vielgelehrte Mann,
der Wunderarzt, der große Mediziner,
und freut sich kindisch, dass er helfen kann.
Wie trauert Äskulap, wenn seine Diener
so glücklich über kleinste Taten sind,
als wären sie der Kaiser über China.

Du wirst es wohl verstehn, mein liebes Kind,
dass wenig mit Furunkeln zu mir kamen -
und längst nicht alles heil ich so geschwind.

Herr Doktor, ich war schier verzweifelt,
das will ich Euch gestehen;
ich glaubte schon, mit meiner Hand
könnt ich nie wieder nähen.

Ihr aber habt mir nun geholfen
und wart mit mir geduldig.
Euch will ich danken tausend Mal -
wie viel bin ich Euch schuldig?

Der Liebesdienst fragt nicht das Geld der Armen,
und wo du andern gut zu sein vermagst,
hab mit den Schwachen ebenfalls Erbarmen.
Ich habe selbst gesehn, wie du dich plagst,
vor solchem Eifer muss ich mich verneigen.
Ich weiß auch, wie du über Armut klagst -
nie macht ich mir dein schweres Geld zu Eigen.
Nichts bist du schuldig, gehst du fort von hier;
doch willst du dich durchaus erkenntlich zeigen,
dann, Mädchen, schlafe heute Nacht bei mir.


2. Poco sostenuto

Wofür hab Erd und Himmel ich studieret,
die Medizin und Jura, Alchemie,
mit andern Theologen disputieret,
kenn Philosophen und Nekromantie?
Mein Zimmer strotzt von Ölen und von Kräutern,
sie lindern Schmerzen, heilen Mensch und Vieh,
besessne Seelen weiß ich wohl zu läutern
und zu behandeln Scharlach, Ruhr und Gicht,
ich helf bei Tollwut und bei trocknen Eutern,
ein Serum aber kenne ich noch nicht.
Wie all die Kranken mir durchs Fenster gaffen
mit leidend hoffnungsvollem Angesicht -
sie glauben immer noch, ich könnt erschaffen
ein Mittel, das vom Siechtum sie kuriert:
der Schwarzen Pest, der Schwester unsrer Pfaffen!

Doktor, wir sind christlich doch getauft,
haben manchen Ablassbrief gekauft,
haben auch gebetet und bereut,
lang gefastet, haben uns kasteit,
ach, wir drängen uns in Kirchenschiffen,
unser Rosenkranz ist abgegriffen.
Sicher, wir verdienen seine Strafen,
aber wann lässt er uns wieder schlafen,
der doch Wunder seiner Liebe schafft?
Viel zu viel sind schon dahingerafft;
wir Verschonte wollen ohne Klagen
allem Bösen fernerhin entsagen.
Ihr, Herr Doktor, seid ein Mann des Herrn,
und durch einen solchen hilft er gern!

Hab viel gebetet und noch mehr probiert,
geforscht, gemischt bei Sturm und bei Gewitter,
doch kein Erfolg, der meine Arbeit ziert -
ich mühe Geist und Hände; es ist bitter,
es wurde viel, es wird noch mehr zerstört;
nichts hält ihn auf, den unbesiegten Schnitter.
Wenn ihr auch Eide auf die Bibel schwört,
ihr kniet vergebens vor des Altars Stufen;
doch, Freunde, wenn euch euer Gott nicht hört,
so müsst ihr euch den Satan selber rufen!


3. Largo

Den Seelenschmerzen folgen die des Herzens:
umsonst die Müh der Ode und des Lieds,
des heißen Flehens und des heitren Scherzens;
eins unsrer Herzen nur zum andern zieht’s.
Was ist verhängnisvoller hier auf Erden
als jene drei, die eins sind, eines Glieds:
nicht helfen können, nicht geliebt zu werden
und nichts zu wissen, was man nicht schon weiß?
So sammeln sich nach Stämmen die Beschwerden
und werfen feste Männer aus dem Gleis.
Was ist es wert, in meinem Herz das Pochen,
was ist er wert, auf meiner Stirn der Schweiß?

Wie oft bin ich zu Füßen ihr gekrochen,
und deren Anblick ist mir schon Genuss,
wie oft hab ich den Himmel ihr versprochen,
und sie verlangt nicht einen Regenguss.
Ich würde sterben, in die Hölle fahren,
ja Treue schwören nur für einen Kuss!

Nur du kannst vor dem Abgrund mich bewahren:
der Griff zur Orgel, meinem Freund allein,
kann mir den Griff zum Stricke noch ersparen.
Tief greif ich in die Tastatur hinein
und ziehe deine mächtigsten Register,
mir meine Fugen aus der Seel’ zu schrein!
Hier zeigt der ewge Schüler und Magister
Verzweiflung in gewaltiger Kultur -
Amalie und die Schwarze Pest vergisst er,
der sich betäubt berauscht an Moll und Dur,
um seine Ohnmacht, seine Macht zu fühlen;
hinfort, hinfort die starre Tabulatur!

Es will der Geist die Freiheit sich erspielen!


4. Allegretto

Ach Wagner, welcher kluge Zimmermann
würd einen edlen schönen Tisch gestalten,
den unsereins sich nimmer leisten kann,
bei Tag und Nacht an der Vollendung walten
und dann verbrennen dieses Meisterwerk,
um sich sein Haus im Winter warm zu halten?

Ach, welcher Maler malte Tal und Berg,
das niedre und das arrogante Leben,
hielt fest der aufgesprungnen Samen Stärk
mit zarten Pinsels liebevollem Streben
auf bestem ausgesuchten Leinentuch,
um dann das Bild der Flut zu übergeben?

Ach, welcher Dichter schrieb ein weises Buch
um dessentwillen ihn die Pfaffen hassen,
und gräbt es ein, der Wissenschaft zum Fluch?

Womit sich auch der Künstler Händ’ befassen,
kein denkend Wesen wird doch dem Schafott
die Krone seiner Schöpfung überlassen.

Nur einer tut’s. Er nennt sich: Lieber Gott.


Hans Faust

1. Moderato maestoso

Ein Zufall ist es sicher nicht gewesen,
dass ich des Höllentors Parole fand.
Wir können’s auch von unsern Ahnen lesen:
in jeder Siedlung, jedem Dorf und Land,
wenn alte Götter nicht mehr hören wollten,
hat man sich andern Göttern zugewandt;
wie einst die Jäger, die der Frija grollten,
und die zu Nerthus nicht umsonst gefleht,
so rufe ich, wenngleich er oft gescholten,
den Gott, der auf der andern Seite steht!
Den Bannkreis schnell um mich herum gezogen,
in den kein Mensch und kein Jehova geht,
und ist der große Satan mir gewogen,
so hört er mich und folget meiner Stimm.
Nun komme eilend zu mir hergeflogen:
Niesuz leknud mieth Cuele Nierim,
Nierimi eb Rhek, Refizul, ell Ehre!
Tret, Lichtesengel, ein in deinem Grimm.

Die Erde bebt als tobten unten Heere,
ich hör der höllischen Kohorten Schritt,
schon qualmt es hier, als ob das Böse gäre;
es ist der Satan wohl in schnellem Ritt.
- Was sind denn das für wundersame Mätzchen?
Ein Löwe ist’s nur, der jetzt zu mir tritt.

Sag, wozu du bist gewillt,
denn du, du bist der Denker;
sag, was zu vernichten’s gilt,
denn ich, ich bin der Henker.

Gebe mir Befehl und Rat,
ich werde nimmer wanken,
ich zerfleische in der Tat
wie du in den Gedanken.

Heb dich hinweg, du sanftes Miezekätzchen,
vor dem selbst Daniel nicht die Flucht ergriff!
Im Schoß des Faustus ist für dich kein Plätzchen.
Und sage deinem Herrn, der nach dir pfiff,
dass ich ihn selber nur zu sehn begehre;
dir fehlt’s zum Bösen noch am rechten Schliff.

Nun tost’s und braust’s und schäumt’s wie auf dem Meere,
es lärmt, als ob man Höllenzwänge druckt;
ach, wenn’s doch nur der Satan selber wäre!
Doch nein - die Schlange ist’s, die Galle spuckt,
so wie sie einstens Moses Volk erschien;
natürlich blieb sie kriecherisch geduckt.

Dass meine Zunge spricht gespalten
ist Lug vom Garten Eden;
des Schöpfers Ebenbildgestalten
verfälschten meine Reden.

Nun fluchen mir mein ganzes Leben
die Paradiesentrückten;
ich habe ihnen Rat gegeben,
sie selber aber pflückten!

Du weiche von mir, Nehusthan! Dir ziehn
die Kriecher nach und nicht die großen Geister.
Die alten Juden mochten vor dir knien,
doch ich verlange deinen Herrn und Meister!
Der schickt mir immer wieder nur Lakein;
ich denke, seine Ohnmacht nur beweist er.

Nun hör ich sanfte Klänge von Schalmein,
die zum Gesang der Elfen mich verwöhnen.
Zum Teufel, wer kann das nun wieder sein?
Fast glaube ich, man will mich hier verhöhnen,
da steigt ein Mädchen in den Kreis empor,
verlockend lächelnd zu den sanften Tönen;
die zarten Glieder unter ihrem Flor
zerstreun in mir die allerletzten Zweifel:
sie kam, dass sie, die ich ja selbst beschwor,
mir die Begierde in die Seele träufel.
Wie zaghaft ihre Hand die meine fasst:
fürwahr, das ist der oberste der Teufel!

Nun endlich - sei willkommen, finstrer Gast,
und sei bedankt, dass du erhört mein Werben;
jetzt zeig mir Armem, welche Macht du hast!

Mephistophela werde ich geheißen
und bin der Herr der Hölle und der Erd,
das Zepter werd ich eurem Gott entreißen,
dass auch den Himmel ich regieren werd.
Du musstest dich des Rufens sehr befleißen:
nun sag mir, was dein trübes Herz beschwert.
Denn anders als der Gott, der obendrüber,
geh ich am Flehn der Sünder nicht vorüber.

Du weißt ja wohl, wie viele Menschen sterben
ganz ohne Schuld, von Gottes Pfeil erlegt;
es bringt die Pest vieltausendfach Verderben,
doch kein Gebet das Herz des Höchsten regt.
Ich blieb als Arzt erfolglos im Bestreben
- wenngleich ich brennend forschte unentwegt -,
zu retten manches gottgegebne Leben;
so bitt ich dich in ihrer größten Not,
mir solch ein Mittel an die Hand zu geben.

Dein Wunsch ist schnell erfüllt und recht bescheiden,
ein Wunsch, der eine edle Seele ziert;
hier ist das Mittel gegen dieses Leiden,
das Gott in seiner Raserei gebiert.
Doch lässt sich der Gedanke nicht vermeiden,
dass du mich nicht nur hierfür hast zitiert:
du bist ein Mann voll innerem Zerwürfnis,
und Herz und Geist sind auch nicht ohn Bedürfnis.

Nun gut, du weißt, wie sehr ich aus dem Lot
geraten bin durch Wissenschaft und Liebe,
durch Mitleid, durch die Sehnsucht nach dem Tod
und nicht zuletzt durch meines Fleisches Triebe,
durch meine ungezügelt wilde Lust,
von der ich heimlich hoffe, dass sie bliebe.
So bin ich meiner Lage voll bewusst:
wie könnte ich mein Schicksal selbst gestalten
mit tausend Seelen, ach! in meiner Brust?

Amalie will ich, ihr die Treue halten,
den Kindern stets ein guter Vater sein,
die Liebe zwischen uns soll nicht erkalten,
mein Leben will ich der Familie weihn;
ich gebe niemand einen Grund zur Klage,
und scheiden sollen wir im Tod allein.

Bis an mein Lebensende alle Tage
will ich im Schoß verdorbner Frauen ruhn,
was Sodom und Gomorrha ward zur Plage,
das will ich täglich einer andern tun,
die Unterröcke als Trophäen sammeln
und Rheinwein trinken aus getragnen Schuhn.

Nicht länger will ich halbe Weisheit stammeln,
nicht länger Knecht sein meines halben Lichts -
ich will den andern meine Tür verrammeln
- denn an der nöt’gen Ruhe sonst gebricht’s -
und mich dem ewgen Studium ergeben:
das Lernen selbst ist Weisheit und sonst nichts!

Den Menschen stets zu helfen will ich streben,
und allen will ich beistehn in der Not,
dass sie gesund und auch zufrieden leben
mit vielen Freuden und genügend Brot,
Verzweiflung als auch Hunger will ich heilen,
bekämpfen will ich Knechtschaft, Krieg und Tod.

Durch helle grüne Wälder will ich eilen
in einem menschenleeren Paradies,
mein Leben lang will ich in dem verweilen,
was eitle Menschheit der Natur noch ließ,
die unfruchtbare Weisheit dort vergessen
und Flöte spieln auf einer Blumenwies’.

Ich will die besten Braten täglich essen,
und trinken will ich funkend klaren Wein,
zum Nachtisch will ich willige Mätressen,
und ein Palast soll meine Wohnung sein;
so wie ein Fürst will ich mein Dasein fristen
bei wilden Orgien und Völlerein.

Natur und Muse sollen stets dich laben,
und bis zum Tode bleibt Amalie dein,
du hast als Magier ungeahnte Gaben
und trinkst im Leben nur den besten Wein,
wirst alles wissen und wirst jede haben,
und niemals wird dein Herz zufrieden sein;
doch mehr als dieses eine kurze Leben
kann auch der Satan selber dir nicht geben.

Doch um den Durst so gut es geht zu stillen,
denk ich, ein Pakt wär zwischen uns nicht schlecht:
ich bin dein ganzes Leben dir zu Willen,
und du bist dafür nach dem Tod mein Knecht.
Bist du bereit, solch Ehe zu erfüllen,
so überlege dir die Sache recht,
auf dass ich mich noch heut mit dir vermähle:
der Brautpreis ist nur deine wirre Seele.

Was hab ich von der Existenz, dem tristen
Dasein, das unverdient sich Leben nennt?
Sollt in mir länger noch der Glaube nisten? -
Wem Weisheit und den Fraun das Herz entbrennt,
für solchen hat der Himmel keine Zimmer.
Das Denken hat mich früh von Gott getrennt,
der Wunsch nach Freiheit machte es noch schlimmer;
auch gibt er Liebesfreuden keinen Raum,
denn Freude, Geist und Gott verträgt sich nimmer.
Er endete des Paradieses Traum,
und alles nahm die wohlbekannte Wendnis,
als er verbot die Frucht vom Wissensbaum.

Ich hab für solch Verbote kein Verständnis,
drum geb ich dir mein Ja voll Euphorie:
mich dürstet nach der Sünde der Erkenntnis!

Herr Doktor, du gefällst mir immer besser,
wie du dir deine eigne Hölle baust
und von des Glaubens stürmischem Gewässer
so sehnsuchtsvoll nach der Irrleuchtung schaust.
Nun ritz in deine Hand mit spitzem Messer
tief ein die Lettern HF für Hans Faust;
soll der Vertrag auf ewig gültig bleiben,
musst du mit Blut und Hahnenfeder schreiben.

HF für Homo Fuge: Mensch, entflieh!
Doch nichts und niemand kann mich davor schrecken,
seit ich Gedanken meine Ohren lieh.

Jetzt gilt es, diese Welt mir zu entdecken,
ich weiß, ich kann es nimmermehr allein:
noch bin ich viel zu alt, die Lieb’ zu schmecken,
und längst zu jung, um weise noch zu sein.
Ich unterschreibe, dieser Pakt soll gelten,
und schlage fröhlich in den Handel ein!

So nimm von mir die höchsten Höllengaben:
den Mantel, der dich schneller trägt als Licht,
der Weisen Stein, Millennien vergraben,
des Grünen Ritters Schwert, das selber ficht.
Du sollst den Ring der Höllenzwinger haben:
seit Salomo trug Menschenhand ihn nicht.
Mit ihm kannst alle Geister du beschwören,
mit ihm kannst alle Frauen du betören.

Ein Großer war der Hölle auserkoren,
das wusst ich viele hundert Jahre lang,
doch dass ein Deutscher mich heraufbeschworen
mit fester Stimm gebieterischem Klang,
schien recht befremdlich meinen zarten Ohren:
Liebeshunger, Wissensdurst und Freiheitsdrang
sind gerade nicht zu Haus in diesem Lande,
das dem Gehorsam lebt statt dem Verstande!

Es waren auch nicht alle Griechen Helden,
nicht jeder Jude wird durch Zinsen reich,
es gibt nicht nur Druiden bei den Kelten,
und die Franzosen sind nicht alle bleich:
denn jeder, jeder Mensch ist grundverschieden
und alle, alle Menschen völlig gleich!

Der Lehrer in dir ist nicht totzukriegen,
dass du gar mich zu lehren dir erlaubst!
Dein Glaube an die Menschheit wird versiegen,
je mehr du der Erkenntnis selber glaubst;
auch werden unverhofft im Staube liegen
die, denen du im Rausch die Hoffnung raubst.
Und liebst den Menschen du vor allen Dingen,
so wird dich einst die Liebe selbst bezwingen!

Nun find ich endlich meinen hohen Frieden,
Freud und Erfüllung; liebster Gott, verzeih!
Viel Glück und Weisheit schau ich schon hienieden,
und Seele, Geist und Leib sind endlich frei!
Nie werden leer des Satans Futtertröge;
ist meine Herrschaft letztlich dann vorbei,
und wird es Zeit, dass in dein Reich ich zöge,
gewähre mir noch einen Wunsch genau:
dass mir das Licht der Welt erlöschen möge
wo ich’s erblickt: im Schoße einer Frau!

Versprach ich nicht, im Leben dir zu dienen?
Ein wenig Weisheit tut dir wahrlich Not!
Bin ich denn heute einem Narrn erschienen,
dem ich voll Demut meine Dienste bot?
Es kommt, das öde Dasein zu begrünen,
ein jedes Erdenleben krönt der Tod.
Der Tod ist Leben, er kommt nicht von mir;
so wird dein Wunsch mein letzter Dienst an dir.


2. Prestissimo con fuoco

Ach, dass der Herrgott stets so schnell sich rühre:
erst gestern schloss ich jenen Teufelspakt,
und heut steht schon der Papst vor meiner Türe!

O fürchte dich doch nicht, du bange Seele,
die lange in der Heilgen Schrift nicht las,
der Abendmahlswein netzte nicht die Kehle,
die ihre Demut gar vor Gott vergaß;
du bist mein Herr und gibst mir die Befehle,
doch treibt der Teufel teuflisch gerne Spaß.
Du müsstest wissen, solltest auch behalten,
dass ich beherrsche aller Welt Gestalten.

Ein solcher Scherz ist schrecklich abgeschmackt,
doch bleib ich davon gänzlich ungerühret;
die Sinnen stand ja nie nach gutem Takt.
So trittst du auf, wie’s deiner Art gebühret,
als würdest du auf Bühnenbrettern stehn;
nun sag mir, was dich heute zu mir führet!

Der Vollmond scheint, es singen die Zikaden,
der Blocksberg ruft, zu tanzen in den Mai
mit Hexen, Zauberern von meinen Gnaden,
mit Geistern, mit Musik und viel Geschrei:
hierzu bist du recht herzlich eingeladen -
ich hoffe sehr, du bist mit uns dabei.
Wer glaubt, dass alles er probieren müsste,
befriedigt erst die fleischlichen Gelüste.

Den Mantel her, und schnellstens lass uns gehn:
ich brenn darauf, mir all das bunte Treiben
auf eurem Hexensabbat anzusehn!
Doch erst einmal will sich der Papst entleiben;
in welches Tier verwandelst du dich jetzt?
Kannst du denn nicht bei einem Wesen bleiben?

Nur Astaroth kann auf dem Berge stehen,
wo ihm das Lob aus tausend Kehlen schallt;
sonst kann man mich in viel Gestalten sehen,
und Menschenformen wähle ich, sobald
ich will höchstselber unter Menschen gehen.
Ich kann mich nicht für einerlei Gestalt,
kann mich für einen Namen nicht entscheiden:
man würde mich erkennen sonst und meiden.

Nun hast du dir die Hörner aufgesetzt,
und auch die Kerze ist dir unverzichtbar:
du wirst zum schwarzen Bock zu guter Letzt,
allein das alte Antlitz ist noch sichtbar,
und kommst du jetzt nicht in die Hufe schnell,
so wird der Hexenkonvent unverrichtbar.

So lass uns ziehn zu dem Walpurgisfeste,
bei dem ich unbeweglich stets verweil
auf einem großen steinernen Podeste,
wo man voll Andacht küsst mein Hinterteil;
du als mein Herr natürlich nicht - das Beste
wird sein, ich such im Schattenbild dein Heil,
denn keiner dort soll deinen Kuss vermissen:
dass ich dein Diener bin, darf niemand wissen!

Mir ist es gleich, wer küsst an meiner Stell;
rasch meinen Zaubermantel ausgebreitet,
der uns in keiner Zeit von meiner Schwell
zur Koppe auf den heilgen Blocksberg leitet.
Wir sind die ersten, doch ich sehe schon
ein Freudenhexchen, das den Besen reitet
und zaghaft landet hinter deinem Thron.
Der Besenstiel allein deckt ihre Blöße,
das dünne Hemdchen ist ein blanker Hohn;
barschößig beugt sie sich nun deiner Größe.
Da kommen schon die nächsten angereist,
die Luft erzittert jetzt durch tausend Stöße -
zu kostümiern hat mancher sich befleißt,
und andre haben gar nichts angezogen,
manch Paar treibt auf dem Besenstiel es dreist;
die meisten fliegen einen Ehrenbogen
um Astaroths gewaltige Statur.
Da kommt ein zartes Hexchen angeflogen,
trägt Larve, Handschuh, Lederstiefel nur
und reitet einen Wolf mit Adlerschwingen
voll Stolz zu der Walpurgisprozedur.

Der Nutzen des Tieres ist recht vielgestaltig:
es erfrischt die Brüste jeder Hauch der Flügel,
und es streift das rauhe Fell den feuchten Hügel;
wir kommen gemeinsam, wir kommen gewaltig!

Wie schrill und taktlos die Gestalten singen,
wie seltsam alle hier gewandet sind:
die Kirchen- und die Edelmänner bringen
die Nonnen und Novizen auf dem Wind;
die edlen Damen tragen einen Schleier,
die Musiker sind alle völlig blind,
dass nach dem Ende dieser großen Feier,
falls auf der Folter man sein Tun gesteht,
man nicht verrät die Dirne und den Freier
noch einen andern, der zum Blocksberg geht.
Nun wird es Zeit, mich ungesehn zu machen,
sonst ist es für das Schattenbild zu spät.

Da ist es schon: mit einem bösen Lachen
nimmt es die erste Hexe bei der Hand,
mit einer Kerze beugt man sich dem Drachen,
und pärchenweise küsst man ihn galant
auf seines mächtgen Körpers größte Stelle;
einander nun den Rücken zugewandt,
um unerkannt zu sein für alle Fälle,
schart man sich um den schwarzen Riesenbock,
denn der allein ist ihres Frohsinns Quelle.

Auf dass ich mir dies hübsche Weibchen lock,
muss ich das Schattenbild zum Teufel schicken;
die andre Nachbarin lüpft ihren Rock
und lässt mich tief in ihre Seele blicken.
In trauter Ronde den Koitus tanz
ich mit und seh, wie mir die beiden nicken,
jetzt wedelt auch der Teufel mit dem Schwanz
und dreht die Archisposa wild im Kreise,
die dicke Teufelsbraut, die gar und ganz
aus Fleisch und Fett besteht nach Satans Weise,
doch zieret sie ein schönes Angesicht.
Am Schluss des Tanzes wird es plötzlich leise,
zu reden wagt der größte Hexer nicht,
es schweigen neben mir sogar die beiden,
als Astaroth mit starker Stimme spricht.

Als Gast kam zu uns heut ein weiser Knabe,
und manche Hexe kennt den Menschen schon.
Er ist so gut wie eine Gottesgabe:
Hans Faustus - dieses ist mein lieber Sohn,
an dem ich großes Wohlgefallen habe;
der Erste der mich rief seit Salomon.
Er ist ein Mann von großem Geist und Ehren,
und niemand soll ihm einen Wunsch verwehren.

Uns jüngeren Hexen, wer will es bestreiten,
sind Besenstiele kaum von Wert;
lasst darum, oh Herr, auf dem Fäustchen mich reiten,
das ganz gewiss viel besser kehrt!

Es liebt Herr Astaroth die Possen
und hat durch böse Zauberein
die Vordertüre mir verschlossen,
doch hinten kommt man noch hinein.

Hör nicht darauf, was andre schreien:
beim Tanze hast du uns genommen,
deshalb muss eine von uns zweien
dich selber auch zuerst bekommen!

Ich kann euch beide gleichermaßen leiden,
denn ihr seid beide äußerst schön gebaut;
es fällt mir schwer, mich letztlich zu entscheiden.

Du kannst doch an den Hexen allen
ganz ohne falsche Scham dich laben,
und wenn wir beide dir gefallen,
dann sollst du uns auch beide haben!

Nicht einmal wer das Paradies geschaut,
bevor man ihn für immer hat vertrieben,
ahnt von dem Paradies, wenn Braut und Braut
zur selben Zeit denselben Bräutgam lieben,
und sich manch andre noch dazu gesellt,
als sei sie ohne Kavalier geblieben.
Nichts wüsste ich, was besser mir gefällt,
und niemals vorher sah ich mich so heiter:
so hab ich mir den Himmel vorgestellt!

Doch viel zu bald geht schon der Festakt weiter:
die Hexenweihe derer, die erwählt.
Das Brandmal zeichnet sie als Satansstreiter,
und mit der Hölle werden sie vermählt;
sie lassen sich von Astaroth begatten
und werden dadurch liebevoll entseelt.

Zur Taufe bringt man Kröten nun und Ratten
und weiht das eigne Wasser Astaroths,
die Worte spricht man, die die Priester hatten
vor dem Altar des dreimal einen Gotts;
als Paten dienen Würmer oder Schlangen,
ein Kirchenchor ist Höhepunkt des Spotts.

Nun, meine Lieben, auf zum letzten Reigen,
bevor ein neuer greller Tag erwacht -
zuvor sollt ihr vor Faustus euch verneigen,
den ich mit meiner Großmut stets bedacht.
Und um dem Manne meine Gunst zu zeigen,
lass ihm die Archisposa ich heut Nacht;
ihr Mann ist König eines großen Landes,
genieße drum die Frau solch hohen Standes.

Nicht grad nach dieser Frau steht mein Verlangen,
der Domina mit ihrem goldnen Schuh;
doch hab ich sie vom Teufel selbst empfangen.
Zwar sagt ihr derber Körper mir nicht zu,
doch überm Hals ist sie ein hübsches Wesen
und lässt auch einem König keine Ruh.

Wann werd ich je von dieser Nacht genesen?
Nicht gar so übel war des Satans Wahl,
denn ihre Liebeskunst ist so erlesen,
dass man zerrissen wird von Freud und Qual;
sie bringt den Himmel mit der Höll zusammen,
wie sie ist ihre Technik: kolossal!

So lasst das alte Abschiedslied erklingen
vom braven Päpstlein, das ein Kind gebar;
ermüdet nicht, von meinem Ruhm zu singen,
wer nicht verbrannt wird, sieht mich nächstes Jahr.
Nun will ich euch mich selbst zum Opfer bringen:
lebt wohl, ihr Freunde, jetzt und immerdar.
Bedenket stets, ihr seid der Hölle Erben,
drum rächt euch! Rächt euch, denn sonst müsst ihr sterben!

Jetzt setzt der schwarze Bock sich selbst in Flammen,
und auf dem Boden schwebt der heiße Rauch,
als wolle er uns allesamt verdammen.
Dann sammelt Groß und Klein nach altem Brauch
wohl eine Handvoll seiner grauen Asche,
und selbst die Archisposa drängelt auch,
dass sie ein wenig seines Rests erhasche.
So reiten alle in die Nacht hinaus
mit Satans Zauberkraft in ihrer Tasche;
nun, Zaubermantel, bring mich auch nach Haus!


3. Vivace appassionato

Jetzt will ich nochmals um Amalie werben,
noch einmal suche ich mein irdisch Glück;
als Greis in ihren Armen will ich sterben,
dann hole mich der Beelzebub zurück!
Voll Zuversicht, dass diesmal es gelinge,
dass diesmal ich ihr liebes Herz verzück,
vertrau ich mich dem übermächtgen Ringe,
der meine Reize hell erstrahlen lässt.
Dass ich des Mädchens falschen Stolz bezwinge,
kommt gerade recht das nächste Sonntagsfest:
wenn wir vor den Altar zu Pfingsten treten,
wo man der Rührung Tränen sich erpresst,
bind ich an mich, was viele sich erflehten.
Lass darum mich, mein Freund, zur Messe gehn;
ich werde dort auch ganz gewiss nicht beten.

Sie will schon jetzt vor Sehnsucht schier verbrennen,
seit du dich trüben Sinnes hast entfernt:
du weißt, man lernt das Herz der Frau nicht kennen,
so wie man nie den Himmel kennen lernt.
Die Nacht zu Pfingsten wirst du zu ihr rennen,
und wenn der kühle Abendhimmel sternt,
pflanz eine Birke hin in ihren Garten;
sie wird dich an der Türe schon erwarten.

Am Samstag schon? - Fast bleibt das Herz mir stehn,
es klopft mir bis zum Hals wie grünen Knaben
- wo die Gedanken sich um eine drehn,
die eine, die sie auf der Zunge haben,
die eine, die sie haben in dem Sinn -,
wie diesen Narrn, die kampflos sich ergaben;
wohl, weil ich selber auch ein solcher bin.
So zitternd geht der stolze Höllenzwinger
aus freiem Stück zur Faustbezwingerin.

Heut wirst du dir die Kleine einverleiben,
in deinen Händen schmilzt sie ganz und gar;
dass ich beschütze euer keusches Treiben
im Fall, dass eurer Liebe droht Gefahr,
will ungesehn ich in der Nähe bleiben
als dein ergebner Wachhund Prästigiar.
Ich werde vor dem Gartentor verweilen,
und rufst du mich, will ich zu Hilfe eilen.

War je so blass des Bäumchens Überbringer?
Genug: noch ist es Zeit, ich mache kehrt!
Kaum halten noch den Schößling meine Finger;
ob sie erneut mir ihre Gunst verwehrt?
Zurück! Denn frisch gewagt ist halb verloren,
doch noch nicht ganz, wie uns der Volksmund lehrt.

Stolzes Herz, sag, wie nur konntest
du den edlen Arzt verschmähen,
der den Menschen so geholfen,
dem der Herrgott steht so nahe?

Ach, dass er heut Nacht noch käme,
eine Birke mir zu pflanzen;
zeigt er dadurch seine Liebe,
fliege ich in seine Arme!

Es gibt das heiße Herz dem Geist die Sporen,
schon stehe ich vor meines Liebchens Haus
und fühle mich wie tot und neugeboren.
Vielleicht schaut sie zum Fenster schon hinaus
und wird mich voller Leidenschaft begrüßen,
wenn ich die kleine Grube hebe aus.

Das ist mir ein feiner Doktor,
der die Dunkelheit benützet,
um des Nachts in ihrem Schutze
fremde Gärten zu durchwühlen!

Unser Haus hat keine Schätze,
die wir vor der Tür vergraben,
weder ich noch meine Eltern;
sagt, was habt Ihr hier zu suchen?

Hier pflanz ich dir mein reines Herz zu Füßen,
an diesem mir so schlechtgesinnten Ort,
um dir das Pfingstfest liebend zu versüßen.
Nichts andres wollt ich, glaube meinem Wort,
als durch die Birke dir mein Herz bekennen;
es ist vollbracht, und ich geh wieder fort.

Halt! So bleibt doch noch ein Weilchen
und erzählt von Eurer Liebe;
gerne wüsst ich von dem Manne,
welcher so geduldig freiet.

Lang schon währet Euer Werben,
oft schon musste ich Euch kränken,
doch Ihr habt nicht aufgegeben.
Woher schöpft Ihr Eure Hoffnung?

Es kann auch ein verstocktes Herz nicht trennen
auf Dauer, was der Herr zusammenführt.
So wie wir uns ja seine Kinder nennen
und stets erhalten das, was uns gebührt,
so konnte auch dein Neinwort nicht bestehen.
Nun wüsst ich gern: was hat dein Herz gerührt?

Oft schon habe ich gesehen,
dass Ihr fehlt in mancher Messe,
und versäumte zu gedenken
Eurer schwierigen Berufung.

Zwar Ihr habt mir gut gefallen,
doch ich hielt Euch stets für gottlos;
aber nur ein wirklich Frommer
sollte um mich werben dürfen.

Doch nun weiß ich, dass ich irrte,
dass ein Gottesmann mich freite;
wer die Pest besiegen konnte,
muss mit Gott im Bunde stehen.

Kühl wehn jetzt die Abendwinde:
lasst uns in die Laube gehen,
wo es still ist und uns duftet
das Jelängerdestolieber.

Wo du hingehst, da will auch ich hingehen,
und wo du bleibst, da bleibe ich mit dir,
bis wir gemeinsam einst den Himmel sehen.
Doch das hat Zeit: das Paradies ist hier,
wo unsrer Liebe Knospen bald erblühen,
hast du dein Jawort erst gegeben mir.

Eure Hand nehmt von der meinen
und die andre von der Schulter,
denn sie sollen mich umarmen
und an Euer Herz mich drücken!

Küsse mich mit Mund und Kehle!
Küsse mich mit Feuergluten!
Trinke meiner Liebe Fluten!
Reiß aus meinem Leib die Seele!

Wie heiß der edlen Liebe Funken sprühen!
Dies heilge Feuer, das ich nie gekannt,
wird lebenslang in unsern Herzen glühen
und ist im Tode noch nicht ausgebrannt;
wo Herz und Körper jemals sich berieten,
da gehen grußlos Ego und Verstand!

Halt! Bis hierher und nicht weiter;
lasst Euch nicht so leicht versuchen,
denn der Satan liegt dem Frommen
mehr als andern auf der Lauer.

Unser Herrgott hat verboten,
nur aus Zeitvertreib zu lieben -
einzig für den Kindersegen,
wenn wir erst vorm Altar standen.

Ein Gott der Liebe ist’s, vor dem wir knieten,
und nur dem Ehebruch gilt sein Verbot.
Sollt er die Liebe Liebenden verbieten?
Verbietet er dem Bauern auch sein Brot?
Ich kenne Gottes Wort wie sonst kein zweiter,
doch keins, mit dem er Liebende bedroht.

Unser Bischof redet anders,
doch wie sollt ich dir nicht glauben,
der die Schrift mit Fleiß studierte
und sich auskennt wie kein andrer.

Schützt uns denn der Gott der Liebe,
sollst du alles von mir haben,
denn es drängt auch mich das Sehnen,
unsre Liebe zu vollenden!

So strömt das Feuer in den Seelen weiter
und bricht durch Berg und Mauern seine Bahn;
der edlen Liebe ist die Lust Begleiter,
und ihr ist fremd bedächtiges Sich-Nahn.
Die lange angesammelten Gefühle
entladen heißer sich als ein Vulkan!

Halt mich fest in deinen Armen;
wie der Schnee im Sonnenscheine
schmelze ich in deinen Händen,
und es steht mein Herz in Flammen!

Diesen zarten Leib erschließe
ganz und gar nach deinem Willen,
dass in mir, die Glut zu stillen,
deine Liebe sich ergieße!

Wie oft schon malt ich voller Sehnsuchtsschwüle
mir diese Stunde der Erfüllung aus!
Und diese wilde Frau war jene Kühle?

Amalie, liebes Kind, was treibst du in der Nacht,
noch vor solch hohem Fest, im Garten dich herum?
Bist wohl vom Vogelsang, vom Grillenchor erwacht;
doch wenn’s ein Buhle ist, so bringe ich ihn um!

Weh uns! Jetzt kommt der Vater aus dem Haus;
besinnungslos sinkt mir Amalie nieder,
und nur am Alten führt ein Weg hinaus.

Mein lieber Vater, hinter Eurem Rücken
spräch ich kein Wort mit irgend einem Mann.
Die Mutter zu dem Feste zu beglücken,
dass sie sich ihrer Tochter freuen kann,
ging ich, um einen Blumenstrauß zu pflücken,
noch vor die Tür: so riechet doch daran!
Es bringen uns ins Haus die Frühlingslüfte
der Lilie und des Quendels zarte Düfte.

Verübel es mir nicht, was ich dir unterstellt;
gar manchen Freier gibt’s, der nachts ins Buschwerk kriecht,
und durch Gesang verführt, die ihm so gut gefällt.
Nun zeig das Sträußchen mir: es riecht wie - riecht wie - riecht...

So schwebt der Vater auch in sanften Träumen,
der Blumen süßer Duft betäubte ihn.
Ich will den Alten in die Laube räumen,
denn sicher wird es ihn zur Tochter ziehn.
Nun sollten wir es wahrlich nicht versäumen,
von diesem Ort so schnell es geht zu fliehn:
sollt es dich werbend hierher wieder treiben,
wär’s jetzt von Vorteil, unerkannt zu bleiben.

Noch sitzt der Schreck in jedem meiner Glieder,
schon glaubte Faust, dass er hier sterben wird;
doch baldigst kehrt in dieses Haus er wieder,
wo förmlich er ums Liebste werben wird.


4. Animato

Des Himmels Paradies werd ich nicht sehen,
der Welterlösten jubelnden Verein,
doch lass uns hin zum Garten Eden gehen:
von draußen werf ich einen Blick hinein,
denn es gelüstet mich gar sehr, zu schauen
den Ort, an dem man glücklich könnte sein.

Es ist der letzte schöne Platz auf Erden,
den Gott alleine der Natur beließ,
der frei noch ist von irdischen Beschwerden,
seit er die Menschen einst von dort verstieß;
denn nur, wo Menschen ausgeschlossen werden,
hat auch Bestand ein wahres Paradies.
Auch du würd’st schnell dein Wohnrecht dort verlieren,
um von der Frucht des Wissens zu probieren.

So ziehn wir nach des Morgenlandes Gauen,
wo uns die Sonne noch viel wärmer lacht,
die Nebel in der Nacht das Gras betauen
und nimmer endet Lunas Zaubermacht.
Schon stehn wir an des Paradieses Pforte,
die Gottes finstrer Cherub streng bewacht.
Ich will versuchen, ihn durch schöne Worte
so zu beschwatzen, dass er zu mir bringt
die unbequeme Frucht von jenem Orte.

Vergeblich wirst den Engel du bereden,
doch hol ich die gewünschte Frucht dir gern.
Um zu beschützen diesen Garten Eden,
hält jener sorgsam alle Menschen fern;
der Satan selbst verursacht keine Schäden,
drum lässt man mich hinein wie auch den Herrn.
Es endet meine Wut an dieser Schwelle,
denn wo kein Mensch ist, ist auch keine Hölle.

Wie auch den Herrn! Wie arrogant das klingt!
Und doch lässt Gottes Engel ihn passieren
am Schwert vorbei, das in der Sonne blinkt.
Der Garten selbst ist voll von edlen Tieren,
von schattenreichen Bäumen überdacht,
die viele bunte Vögel hübsch verzieren;
ein Teppich unbekannter Blütenpracht
liegt auf dem weichen Boden ausgebreitet.
Da hat Mephisto schon die Frucht gebracht!

Du hast erstaunt die Herrlichkeit betrachtet,
die dieser Garten Menschen hielt bereit.
Sie haben das Verbot wie du missachtet;
denk dran, dass Gott Erkenntnis nie verzeiht,
und esse von der Frucht, die du erschmachtet -
es blüht ihr Baum in alle Ewigkeit.
Des Himmels Paradies hat größ’re Räume,
dort wachsen noch viel mehr verbotne Bäume.

Die Neugier nach dem Obst hat mich geleitet
aufgrund des alten biblischen Berichts.
Genuss hat die Erkenntnis nicht bereitet:
die Frucht ist wässrig, und sie schmeckt nach nichts.


Morendo

Um für die Zukunft den Verstand zu schärfen,
in der noch mächtger Gott im Zorn ergrimmt,
lass einen Blick mich in die Hölle werfen,
die mir als Heimat ist vorausbestimmt,
wo man der Freiheit und der Hoffnung Lieder
und auch das Lied der Liebe nicht vernimmt.

Den Wunsch, die künftge Heimat zu entdecken,
kann ich wie kaum ein anderer verstehn,
doch da sich meine Länder weit erstrecken,
kannst du nicht durch die ganze Hölle gehn;
ein Leben reicht nicht aus, um alle Schrecken
der Hölle auch nur einmal anzusehn.
Doch gern mach ich den Auftrag mir zu Eigen,
die schönsten Gräuel selber dir zu zeigen.

Schon sind wir da; es zittern meine Glieder,
Tod und Verwesung liegen in der Luft,
der ewig Sterbenden Geschrei hallt wider
wie aus millionenfach belegter Gruft,
und überall im Lande kann man riechen
den rauchigsüßen Brand- und Leichenduft.
Dort drüben auf dem Acker seh ich kriechen
den dürren Sklaven, der mit letzter Kraft
voll Angst mit den verkrüppelten und siechen
zwei Händen jenes Korn zusammenrafft,
das noch verschont geblieben ist vom Feuer,
und es zum Hause seines Herren schafft.
Ein Körnlein gibt’s als Lohn, und in die Scheuer,
die übervolle, fließt der ganze Rest;
nun kommt der Fürst und kauft das Korn recht teuer
von jenem Geld, das er dem Volk erpresst,
um es zum Meeresufer hinzubringen,
wo er es in die Fluten schütten lässt.

Wo sich die Würmer aus dem Staube schwingen
im Vorsatz, zu beherrschen diese Welt,
die Wölfe und die Schafe zu bezwingen
und jeden sonst, der ihren Weg verstellt,
dort werden Männer, Frauen und die Kinder,
so wie’s den Unterwürmern grad gefällt,
einhergetrieben wie die Weiderinder,
auf Knien an das Massengrab geschleift,
hineingestoßen von der Hand der Schinder;
zuvor wird ihre Haut noch abgestreift
- das allerbeste Leder, jede Wette! -,
wobei man auch den Körperschmuck sich greift.
Ist nun mit Knochen angefüllt die Stätte,
so nimmt man seinen Spaten in die Hand,
und man begräbt die atmenden Skelette.

Um ihm zu töten Seele und Verstand,
hält einen man gefangen in der Zelle:
er spricht mit sich, der Decke und der Wand,
denn niemand sonst hört zu an dieser Stelle,
und niemand spricht zu ihm das kleinste Wort;
den Geist ihm zu zerstörn auf alle Fälle,
hält man jedweden Menschen von ihm fort.
Sein Leben lang wird man ihn dort belassen,
an diesem menschenleeren düstern Ort:
er kann nicht einen klar’n Gedanken fassen,
er bringt nicht einen ganzen Satz zustand;
er hat verlernt zu lieben und zu hassen.

Woanders sehe ich ein totes Land,
geschmolzne Mauern, die kein Haus mehr tragen,
und frohe Schatten in den Stein gebrannt,
als hätt die Sonne selber eingeschlagen.
Entstellte Mütter seh ich in der Stadt,
die manch verkohlten Klumpen laut beklagen,
die Überlebenden sind tot und matt,
und ewger Durst plagt jeden dieser Leider.
Wohl dem, der gerade nichts getragen hat:
zu einem Brei verschmelzen Haut und Kleider,
und über hunderttausend Toten schrein
voll Schmerzen ihre lebendtoten Neider.

Nun sah in deine Hölle ich hinein,
mehr Gräuel brauchst du mir nicht auszumalen:
die Erde scheint die Hölle mir zu sein
und Heilige Inquisition die Qualen!


Grave

Erst stand ich vor des Paradieses Hecken,
auch durch die Hölle ging ich unbeschwert,
und nichts und niemand kann mich jetzt noch schrecken!
Nun, Wagner, treuer Schüler und Gefährt’,
mein Famulus, mit dir will ich beschließen
den Tag, an dem ich endlich heimgekehrt.
Rasch in die Schenke, und der Wein soll fließen
in Strömen nach der alten Griechen Art,
um meine Ankunft würdig zu begießen!

Ach Herr, lasst Euch in dieser Stadt nicht blicken,
dass ich den mächtgen Lehrer nicht verlier!
Schon wartet man auf Euren Hals mit Stricken:
geht schnellstens wieder fort von hier!

Ich hab von Eurer Medizin genommen,
und wirklich hat sie auch die Pest kuriert,
doch jeder, der das Serum hat bekommen,
ist bald an Knochenschwund krepiert.

Verfluchter Pakt! Vom Satan selbst genarrt -
wer wird schon einem armen Doktor glauben?
Vergebens hat auf Heilung man geharrt,
und jeder wird nach meinem Blute schnauben.
Ich kann nicht werben um Amalies Hand
nach dieser Sach: nun muss ich sie wohl rauben!

Ach Herr, man fand sie Pfingsten in der Laube,
wo sie dem Vater beigeschlafen hat.
Es sah sie eine große Menschentraube:
nun hängen beide vor der Stadt!

Amalie tot! Das nimmt mir den Verstand!
Das Liebste auf der Welt ging mir verloren,
das edelste Geschöpf, das ich gekannt.

Amalie tot! Grad kam es mir zu Ohren,
Amalie tot durch böse List von dir;
hast du dich plötzlich gegen mich verschworen?

Du bist mein Herr und hast es nicht verboten,
dass meinen alten Auftrag ich erfüll:
kaum war sie mein, holt ich sie zu den Toten,
bevor sie sich’s gereuen lassen will;
der mächtigste und größte der Despoten
macht sündge Fromme vor der Buße still.
Du wolltest dich an ihrem Körper laben,
doch will auch Satan sein Vergnügen haben.

Amalie tot! Heb dich hinweg von mir,
verdammter Satan; kehre nimmer wieder,
bevor mein Dasein ich an dich verlier!

Amalie tot! Und ihre zarten Glieder,
die nie mehr diese Hand umfangen hält,
sie baumeln von dem schnöden Galgen nieder.

Amalie tot, mein guter Ruf entstellt!
Man wird mich hassen und man wird mich ächten;
nichts straft man härter auf der ganzen Welt
als stilles Glück und Freude des Gerechten!


5. Moderato con brio

Ihr edlen Herren, mein Begehren
trag ich Euch an,
mir ein paar Kreuzer zu entbehren,
mir armem Mann.

Du bist ein Bettler schwerlich stets gewesen:
ich seh es deinen klaren Augen an,
ich kann es förmlich vom Gesicht dir lesen,
dass du ein kluger und gescheiter Mann;
nun sag mir, wie ein Mann von deinem Geiste
in solch verzwickte Lage kommen kann!

Das ist durch meine Frau gekommen,
glaubt meinem Wort:
sie hat sich all mein Geld genommen,
und sie ging fort.

Sie ist nach Jüterbog gelaufen,
so denke ich,
vom Fegefeuer freizukaufen
die Liebsten sich.

Der Ablasstetzel predigt kräftig
in großer Pracht:
sein Wort hat meine Frau beschäftigt
so manche Nacht.

Sie bringt die schwer verdienten Gulden
dem Petersdom;
ich stecke bis zum Hals in Schulden,
man prasst in Rom!

So nimm den Gulden; glaubt man nur das meiste,
was man von diesem Seelenhändler hört,
so richtet Gläubige zugrund der Dreiste,
der sich an ihrem Elend nimmer stört
und lebt von seinen räuberischen Pfründen.
Doch was am allermeisten mich empört
ist, dass der Papst, kann wirklich er begründen
die Macht, vor der der Christenheit es bangt,
die Seelen all zu lösen und zu binden,
für seine Liebesdienste Geld verlangt
gleich einer Dirne, zwischen deren Brüsten
das heilge Kreuz des Welterlösers prangt.
Ach, wenn doch nur die Frommen alle wüssten
wie Leos, Tetzels, Fuggers ohne Scheu
verlachen die, die ihre Hände küssten
und teuer zahlten für ein wenig Reu:
sie würden Schutz vor Dieben sich erflehen,
und Jesus reinigte sein Haus aufs neu.

Du siehst die Dinge noch ein wenig kruder
als jener Mönch, der bald die Kirche lähmt:
es lebt schon lang zu Wittenberg ein Luder,
das sich des Vaters Namens mächtig schämt;
drum nennt sich Luther dieser Klosterbruder,
der seiner Herkunft halber sich so grämt.
Und beißt ihn allzu arg sein Genius,
so nennt er sich gar Eleutherius.

Und dieser hat recht ähnlich das begründet,
was du soeben wütend von dir gabst:
dass er den Ablass gar so gut nicht findet,
für dessen Ächtung du mit Feuer warbst.
Allein er scheint vom Wissen schon erblindet
und glaubt noch fest an Kirche, Storch und Papst
und denkt im Ernst, dass Welt- und Kirchenfürsten
verschmachtend nach dem Wort der Wahrheit dürsten.

Er formulierte fünfundneunzig Thesen,
sehr ketzerisch und äußerst konziliant:
er gibt sie nur den hohen Herrn zu lesen
und appelliert an Seele und Verstand,
dass man bekehre sich vom Ablasswesen.
Vergebung läge nur in Gottes Hand;
man soll den Handel eingeschränkt betreiben,
und besser sei’s, man ließe ganz ihn bleiben.

So lass nach Wittenberg uns eilend gehen,
nachdem der Ring mich unsichtbar gemacht;
ich will den Doktor und die Thesen sehen.
Schon hat der Mantel uns dorthin gebracht:
hier liegen Drucke seiner Ablassthesen
nebst einem Brief an Albrecht von heut Nacht.
Warum wohl so ein ketzerisches Wesen
sich so devot vor seinem Herrn geniert?
Doch lass uns jetzt den Thesenabdruck lesen:

Aus Liebe zu der Wahrheit und
dem Eifer, der sie sucht,
schrieb fünfundneunzig Thesen ich,
im Folgenden verbucht.

Ich fordre die Gelehrten nun
hierüber zum Disput
und bitte den, der hier nicht ist,
dass er dies brieflich tut.

(Thesen überspringen)

1. „Tut Buße", sagte Christus uns,
sonst werdet ihr nicht rein;
so soll des Christen Leben selbst
nichts sonst als Buße sein.

2. Sakramentale Buße fällt
nicht unter dieses Wort;
der Priester und der Beichtstuhl sind
ja nicht an jedem Ort.

3. Doch soll der Christ nicht innerlich
alleine Buße tun;
im Streben um den Tod des Fleischs
soll niemand jemals ruhn.

4. Ihm bleibt die Strafe (diese ist
der wahren Buße gleich),
solang der Eigenhass ihm bleibt:
bis hin zum Himmelreich.

5. Und kein Erlass des Papstes hat
den Himmel je bewegt;
erlassen kann er ganz allein
das, was er auferlegt.

6. Was er erlassen darf, erlässt
er nur aus Gottes Huld;
wer das verachten wird, der bleibt
trotz allem in der Schuld.

7. Und Gott erlässt den Christen nichts,
nicht einem auf der Welt,
wenn dieser sich voll Demut nicht
dem Priester unterstellt.

8. Der Kirche Satzung wurde nur
den Lebenden diktiert -
die Sterbenden sind frei davon
und bleiben unberührt.

9. So wirkt der Geist durch unsern Papst,
der allergrößte Not
von den Erlassen ausnimmt stets,
so wie ja auch den Tod.

10. Der Priester handelt dumm und schlecht,
der, wie es ihm gefällt,
den Sterbenden fürs Fegefeu’r
noch Strafen vorbehält..

11. Dass eine Kirchenstrafe sich
ins Fegefeuer kehrt,
ist Unkraut, das man hinterseits
des Bischofs Rücken lehrt.

12. Die Kirchenstrafe musste einst
vor der Lossprechung stehn,
denn dadurch konnte man gewiss
den Ernst der Reue sehn.

13. Der Sterbende wird durch den Tod
befreit für alle Zeit.
Der Kirchensatzung stirbt er auch:
sie selbst hat ihn befreit.

14. Stirbt einer, dem die Liebe fehlt,
und ist noch bei Verstand,
so stirbt er in der größten Angst,
die je ein Mensch gekannt.

15. Und diese Furcht und dieser Schreck,
des Fegefeuers Pein,
und die Verzweiflung wird ihm schon
die schlimmste Strafe sein.

16. Und Hölle, Feuer, Himmel sind
wie dieses größtenteils:
verzweifeln, fast verzweifeln und
sich sicher sein des Heils.

17. Und die im Fegefeuer sind,
die wollen wir bekehrn:
den Schrecken mindern, und zu Gott
die Liebe stets vermehrn.

18. Vernunft und Bibel sagen nicht,
was durch die Lehre schleicht:
dass sie die Liebe unsres Gotts
im Feuer nicht erreicht.

19. Und wer im Feuer ist, entkam
der Hölle Finsternis,
doch dadurch ist er lange nicht
der Seligkeit gewiss.

20. Erlässt der Papst die Strafe nun,
wie er zu tun es pflegt,
meint er natürlich auch nur die,
die er hat auferlegt.

21. Der Ablassprediger spricht falsch,
der predigt, dass man bloß
schon durch des Papstes Ablass kommt
von allen Schulden los.

22. Im Fegefeuer wird vielmehr
die Strafe nachgebüßt,
die nach der Kirchensatzung nicht
im Leben ward verbüßt.

23. Erließe jede Strafe Gott
dem, der ein guter Christ,
so wär dies nur bei dem der Fall,
der fast vollkommen ist.

24. Der Ablasshändler ist ein Mann,
der Gottes Volk betrügt;
wer sagt, es sei der Strafe los,
der irret oder lügt.

25. Die Macht des Papstes übers Feu’r,
auf die sein Amt sich baut,
hat jeder Geistliche für die,
die man ihm anvertraut.

26. Der Papst tut sicher gut daran,
dass ins Gebet er taucht
und seiner Schlüssel Allgewalt
nicht fürs Geschäft missbraucht.

27. „Sobald das Geld im Kasten ist,
entflieht dem Feu’r die Seel";
dies Wort ist dumpfes Menschenwerk,
und wer es glaubt, geht fehl.

28. Die Habgier und das Geld nimmt zu,
den Gläubigen zum Spott;
doch ob die Schuld erlassen wird,
das liegt allein bei Gott.

29. Wer weiß, ob wirklich jeder Mensch,
der dort im Feuer still
die Flammen duldet und erträgt,
auch freigekauft sein will?

30. Der wahren Reue sicher sein -
ein welcher Mensch kann das?
Das gleiche gilt dem Resultat
vom völligen Erlass.

31. Der Mensch, der reinen Herzens in
dem Ablassbriefe liest,
ist rarer als ein Christ, der in
der rechten Weise büßt.

32. Wer seines Heils sich sicher wähnt
im Glauben an dies Amt,
der wird mit dem, der ihn gelehrt,
in Ewigkeit verdammt!

33. Vor jedem Lehrer hüte dich,
der so den Herrn verhöhnt:
der Ablass sei die Gabe Gotts,
die euch mit ihm versöhnt.

34. Der Ablass gilt der Menschen Straf
und werde so gepflegt:
es kann der Mensch erlassen nur,
was Menschen auferlegt.

35. Der Lehrer predigt gegen Gott
und gegen sein Gebot,
der sagt, zum Loskauf oder Brief
sei keine Reue Not.

36. Ein wahrer Christ empfindet Reu
in seinem Herzen tief,
und Gott erlässt ihm seine Schuld
auch ohne Ablassbrief.

37. Der tote und lebendge Christ
erfährt im Glauben Heil;
er hat auch ohne Ablassbrief
an allen Gütern teil.

38. Trotz allem sei des Papsts Erlass
der Christenheit ein Fest,
denn hier gibt Gott durch ihn bekannt,
was selber er erlässt.

39. Wer glaubt dem Theologen schon,
der einen unterweist,
und der zugleich den Ablassbrief
und wahre Reue preist?

40. Die wahre Reue ist doch die,
die Strafen liebt und sucht;
der Ablass aber führt dazu,
dass man sie nur verflucht.

41. Des Papstes Ablass gebe man
mit Vorsicht nur bekannt,
denn er ersetzt kein Liebeswerk,
wie mancher es verstand.

42. Es ist des Papstes Meinung nicht
um alles in der Welt,
den Werken der Barmherzigkeit
sei Ablass gleichgestellt.

43. Den Armen etwas Geld geschenkt,
Bedürftigen es leihn,
ist seliger in jedem Fall
als Ablasskäufer sein.

44. Denn durch ein edles Liebeswerk
gewinnt der Mensch Gesicht;
der Ablass macht von Strafe frei,
doch besser macht er nicht.

45. Wer dem Bedürftigen nicht hilft
und für den Ablass zahlt,
erwirbt des Papstes Ablass nicht,
doch Gottes Zorn schon bald.

46. Und lebst du nicht im Überfluss,
so ist es deine Pflicht,
dass du im Haus dein Geld behältst -
verschwende du es nicht.

47. Wenn du das Geld dafür nicht hast,
so tut kein Ablass Not:
der Ablasskauf ist freigestellt
und niemals ein Gebot.

48. Und für den Ablass wünscht der Papst,
der ja für dich auch fleht,
sich mehr als alles Geld von dir
ein inniges Gebet.

49. Dem nützt des Papstes Ablass wohl,
der würdig ihn erwirbt;
doch dem wird er zum Fluche, dem
die Gottesfurcht erstirbt.

50. Erführe nur der Papst davon,
wie man das Geld erpresst;
statt dass er sich aus Haut und Fleisch
der Schafe bauen lässt

die Peterskirche, brannte er
sie nieder auf den Grund.
51. Ja, er verkaufte sie sogar
zum Höchstgebote und

Er zahlte all das Geld zurück,
für das man euch belog,
um das so mancher Prediger
die Gläubigen betrog.

52. Dass Ablass selig machen soll,
ist gegen den Verstand,
und gäb der Kommissar, der Papst
die eigne Seel als Pfand.

53. Die Feinde Christi und des Papsts
erscheinen unvermummt:
die Ablasspredigt ist ihr Wort,
und Gottes Wort verstummt.

54. Wie sehr verachten solche Gott
an seinem heilgen Ort,
die mehr vom Ablass predigen
als unsres Gottes Wort.

55. Und wo man eine Glocke schlägt,
vom Ablass hocherfreut,
gebührt dem Evangelium
ein hundertfach Geläut.

56. Der sagenhafte Kirchenschatz,
von dem mit großer Hand
der Papst den Ablasssegen streut,
ist gänzlich unbekannt.

57. Doch zeitlich kann der Schatz nicht sein
aus unsres Gottes Haus,
sonst sammelten die Priester ihn
und teilten ihn nicht aus.

58. Auch zählt er zum Verdienste nicht,
den Christ den Menschen bot:
dem innern Menschen Gnade und
dem äußern Kreuz und Tod.

59. Laurentius erklärte einst
an gottgeweihtem Platz,
die Armen der Gemeinde sein
der Kirche größter Schatz.

60. Der Kirche Schlüssel, die uns nur
durch Christs Verdienst gewährt,
sie werden guten Grunds von uns
zu diesem Schatz erklärt.

61. Zu dem Erlass von Strafen und
zu dessen Vorbehalt
genügt in allen Fällen stets
die päpstliche Gewalt.

62. Der wahre Schatz der Kirche ist
und war zu aller Zeit
die Gnade und das Gotteswort
und seine Herrlichkeit.

63. Doch dieser Schatz ist recht verhasst,
man gibt auf ihn nicht Acht,
dieweil er, wie die Kirche sagt,
aus Ersten Letzte macht.

64. Der Ablassschatz dagegen ist
begehrt und wird bewacht,
dieweil er, wie die Kirche sagt,
aus Letzten Erste macht.

65. Der Schatz des Evangeliums
war Köder einst und hing
in jenes Netzes Maschen fest,
mit dem man Reiche fing.

66. Doch heute ist der Ablassschatz
der Köder, und er hängt
in jenes Netzes Maschen fest,
mit dem man Reichtum fängt.

67. Der Ablass sei die größte Gunst,
spricht man dir in den Sinn;
und sicher hat man recht damit,
besieht man den Gewinn.

68. Vergleicht man ihn der Gnade Gotts,
dem Kreuz, so ist kein Ding,
das Gott in seiner Liebe schenkt,
dem Ablass gleich gering.

69. Es ist die Pflicht des Bischofs und
des Pfarrers, das steht fest,
dass er des Papstes Kommissar
in Ehrfurcht sprechen lässt.

70. Doch ist es seine Pflicht noch mehr,
zu halten ihn im Zaum,
denn allzu oft verkündet er
nur seinen eignen Traum.

71. Wer gegen wahren Ablass spricht
und ketzerisch versucht,
ihn schlecht zu machen, sei dafür
in Ewigkeit verflucht!

72. Gesegnet aber sei der Mann,
der ständig auf der Hut
vor frechen Ablassreden ist,
denn daran tut er gut.

73. Den Bannstrahl wirft der Papst auf den,
der Ablasskniffe nützt,
74. jedoch viel härter trifft er den,
der ihn nur vorgeschützt.

75. Die Rede, Ablass mache frei,
selbst wenn man in der Tat
die Mutter Gottes schändete,
ist Wahnsinn und Verrat.

76. Des Papstes Ablass, gut gemeint
in seiner großen Huld,
hebt nicht die kleinste Sünde auf
und nicht die kleinste Schuld.

77. Wer sagt, dass Petrus selbst als Papst
nicht mehr gewähren kann,
der lästert Petrus und den Papst
und ist kein Gottesmann.

78. Denn jeder Papst muss Größ’res tun
als Ablass zu gewähr’n:
das Gotteswort verkünden und
den Willen Gottes lehr’n.

79. Wer sagt, des Papstes Wappen sei
dem Kreuze Christi gleich,
der lästert Gott, und sein ist nicht
das Teil am Himmelreich.

80. Wer solche Reden führen lässt,
wird, eh er sich’s versieht,
am Throne Gottes stehn, wo er
zur Rechenschaft ihn zieht.

81. Dem besten Theologen gar
fällt oft die Antwort schwer,
kommt jemand ihm mit Fragen wie
von dieser Art daher:

82. Warum verkauft der Papst den Brief,
zu baun ein Gotteshaus,
und räumt im Dienst der Liebe nicht
das Fegefeuer aus?

83. Warum er Totenmessen nicht
und Stiftungen verwarf,
wenn man für Losgekaufte doch
nicht einmal beten darf?

84. Warum ist selbst ein gottlos Mensch,
der nicht einmal getauft,
noch immer gut genug dazu,
dass Seelen los er kauft?

85. Die alte Bußensatzung war
vergessen schon und tot;
warum tut jetzt, wenn nicht aus Gier,
die Neubelebung Not?

86. Warum denn baut der Papst in Rom,
der reichste Mann der Welt,
die Peterskirche eigentlich
nicht von dem eignen Geld?

87. Was mag der Papst erlassen dem
im Namen Jesu Christ,
der durch vollkommne Reue schon
ganz ohne Schulden ist?

88. Wär es nicht besser für den Papst,
gewährte er pauschal
den Ablass uns statt täglich nur
am Tage hundertmal?

89. Warum erklärt er, dass recht bald
ein Ablassbrief verfällt,
ist ihm das Heil der Seelen doch
viel wichtiger als Geld?

90. Bringt nun die Kirche solch Kritik
zum Schweigen mit Gewalt,
so wird die Kirche zum Gespött,
der Papst zur Hohngestalt.

91. Doch wenn man in des Papstes Sinn
vom Ablassbriefe spricht,
wär solcher Einwand außer Kraft:
er existierte nicht.

92. Weh dem Propheten, welcher nur
„’s ist Friede, Friede!" schreit,
und ist trotz allen Rufens doch
kein Friede in der Zeit.

93. Wohl dem Propheten, welcher uns
„’s ist Kreuz, ‘s ist Kreuz!" ermahnt,
und ist doch nirgends Kreuz zu sehn;
denn so seid ihr gewarnt.

94. So denkt daran, dass würdig ihr,
ganz gleich, was euch auch droht,
dem Haupte Christi folgen sollt
durch Strafe, Hölle, Tod.

95. Der falsche Friede hindert oft,
den rechten Weg zu sehn;
so ist es besser, durch viel Leid
zum Himmel einzugehn.

Im Stillen mit Gelehrten disputiert
bedeutet Altem opfern alles Neue,
bis der Gedanke sich im Nichts verliert.
Ist’s seine Feigheit oder fehlt ihm Schläue?
Die Wahrheit, jenen Lügnern anvertraut,
sind Perlen, die geworfen vor die Säue.
Wer auf der Welt und Kirche Fürsten baut,
Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen,
hat aus der Klause nie herausgeschaut
und hat auch kein Verständnis von den Dingen,
die rings um seinen Elfbeinturm geschehn.
Doch soll das Lied der bessern Kirche klingen,
wird’s ohne die Studenten nimmer gehn.
Dies Werk geheim zu halten wär ein Jammer,
ein jeder Kirchengänger soll es sehn.

So lass uns schnell heraus aus dieser Kammer
zur Kirche hin, bevor es ist zu spät,
und gib mir Nägel noch und einen Hammer:
was an der Kirche Tor geschrieben steht,
das wird an Allerheilgen jeder lesen,
und an der ganzen Universität
kennt morgen man die fünfundneunzig Thesen!


6. Allegro ma non troppo

Wo sind wir jetzt? Ich muss geschlafen haben,
und weiter ist der Wagen stets gerollt;
statt an dem schönen Ausblick mich zu laben,
hab ich der langen Nacht Tribut gezollt
und lauschte nicht den Vögeln in den Zweigen,
die jedem Frühlingsherzen singen hold.
Nun sehe ich der frechen Spatzen Reigen,
der Schwäne Zug am blauen Himmelszelt,
ich seh den Bussard in die Lüfte steigen,
der plötzlich steil auf seine Beute fällt,
die alte Weide sich am Bach verneigen,
der grün die Wiesen und die Auen hält,
ich hör ihn plätschern, hör die Wiesen schweigen,
ich hör das Flüstern sanfter Frühlingsluft,
als wollte sie mir ein Geheimnis zeigen,
auch rieche ich der Apfelblüten Duft,
ich seh den Weinberg ein Versprechen geben,
ein Lamm zerschmettert in der Felsenkluft,
die Lerchen Frohsinn in den Himmel weben;
die Eichkatz ist vom Winterschlaf erwacht,
den Adler seh ich Gottes Thron erstreben,
der tausend Blumen bunte Farbenpracht,
die Bienen auf der Wiese sich verteilen -
die Welt ist schön und nur für mich gemacht!

Ei Schwager, müsst Ihr denn so schrecklich eilen
durch diese still geschaffene Natur?
Lasst uns doch hie und da ein wenig weilen;
die Sonne lacht, es lachen Feld und Flur!
Die Post, mein Freund, die liebe Post kann warten:
geschriebne Worte sind beständig nur.
So nehmt Euch etwas Zeit für Gottes Garten,
die kleinen großen Wunder zu besehn;
die Post, mein Freund, die liebe Post kann warten!
Seht Ihr die Birke auf der Weide stehn,
die ersten Störche auf den Dächern bauen,
die Schafe folgsam zu dem Hirten gehn?
Könnt Ihr die Stille der Natur nicht schauen,
und fühlt Ihr nicht im Herzen ihren Ruf,
ganz blind der Macht der Nonchalance zu trauen,
der Ruh, die Gott am siebten Tage schuf?
Wie sanft die Felder unterm Winde wogen,
wie unbemerkt verhallt der Pferde Huf;
durch wie viel Täler sind wir schon gezogen,
durch wie viel Wälder führte unser Lauf?
Mephisto, nein, du hast mich nicht belogen;
hier draußen wacht der müde Träumer auf.
Was braucht denn solche Herrlichkeit noch Träume?
Wenn ich mich auf dem Lande erst verschnauf,
so braucht mein froher Geist noch größre Räume!
Welch hübsches Dorf, zu dem Mephisto riet:
schon blühen prächtig Sträucher, Blumen, Bäume
und Mädchenaugen, gleich wohin man sieht!


Andante molto mosso

Wie sanft und still dein frisches Wasser fließet
und doch den Weg durch Stein und Fels sich räumt;
du Bächlein, wie’s durch dich am Ufer sprießet,
wo sich die Seele in ein Leben träumt.
Du hast dem Walde sein Gesicht gegeben,
mit Gänseblümchen deinen Pfad gesäumt,
und wo sich Tann und Lärche hoch erheben,
die Sonne fröhlich durch die Zweige dringt,
bringst du dem Waldvolk immer neues Leben.
Wie lieblich mir dein leises Rauschen klingt,
so wie Musik von Flöten und von Geigen,
zu der die Nachtigall ihr Solo singt;
auf deiner Haut tanzt manches Blatt den Reigen,
von dir im Takt des Lebens stets geführt,
wo sich die Weiden ehrfurchtsvoll verneigen,
um dem zu danken, dem ihr Dank gebührt:
denn herrlich grünt und blüht es allerwegen,
wo segnend deine Hand den Strand berührt
und viele Tiere sich im Buschwerk regen,
sich zu erfrischen an dem kühlen Nass,
an dem das Wohl des Waldes ist gelegen.
Die Hirsche weiden stolz im hohen Gras,
die Amseln bauen Nester in den Linden,
durch die du fließt wie helles reines Glas,
um einen Stein in deinem Weg zu finden;
hier sammeln sich die Wassertropfen all,
gemeinsam diesen Stein zu überwinden.

Und weiter geht dein Lauf von diesem Wall,
an dem die Tropfen froh heruntergleiten
so wie ein winzig kleiner Wasserfall,
hinab zur Lichtung, wo an allen Seiten
das Immergrün erblüht an deinem Hang;
die wilde Rose folgt ihm wohl beizeiten.
Du schlängelst dich den Birkenhain entlang
und bist vor Bäumen fast nicht mehr zu sehen;
durch Buchen, Fichten, Eichen führt dein Gang.
Vor einem Aste bleibst du zögernd stehen;
hier sammeln deine Tropfen sich zuhauf,
gemeinsam über diesen Ast zu gehen.

Und weiter, immer weiter geht dein Lauf;
noch klingt der Ruf des Kuckucks aus den Wäldern,
du aber hältst dich hier nicht länger auf
und bringst dein Wasser Wiesen, Aun und Feldern.


Allegro

Schon steht der Löwenzahn in voller Blüte,
schon baut die Schwalbe emsig an dem Nest;
wie fröhlich wird dem ländlichen Gemüte,
wie prächtig ist der Ort geschmückt zum Fest!
Wie frühlingshaft sich heut die Mädchen kleiden,
wie fürstlich sich der Bau’r bedienen lässt!
So viele Mühe und so wenig Freuden:
so hat der Mensch das Leben selbst gemacht
und muss mit Arbeit seine Zeit vergeuden;
doch heute wird gezecht, getanzt, gelacht,
es brät das Lammfleisch auf der Feuerstelle,
und fässerweise wird der Wein gebracht.
Hier sitzen wir beim Wirte an der Quelle,
hier weht erfrischend uns der laue Wind,
und lustig spielt zum Tanze die Kapelle:

Wer noch nie im Mai geliebt,
den wird dieses Jahr beschenken,
und sein Glück bleibt ungetrübt.
Wer noch nie im Mai geliebt,
soll, wenn ihn der Lenz umgibt,
an das eine immer denken:
wer noch nie im Mai geliebt,
den wird dieses Jahr beschenken!

Will Mariechen nicht zum Tanz,
tanze ich mit dir den Reigen!
Warum will die dumme Gans,
will Mariechen nicht zum Tanz?
Liebt wohl nicht mehr ihren Franz.
Lustig spielen auf die Geigen:
will Mariechen nicht zum Tanz,
tanze ich mit dir den Reigen!

Wie schön die Mädchen heute alle sind.
Sieh diese: welch ein Arsch und welche Augen!
Ist sie denn nicht ein wundervolles Kind?
Von ihren dicken Lippen Küsse saugen
wird herrlich sein in tollem Amorlauf;
sie muss zur wilden Liebe wahrlich taugen!
Ich forder sie sogleich zum Tanze auf,
und du, Mephisto, wirst zum Gatten gehen,
ihn abzulenken: gib dein Wort darauf!
Wir wollen tobend uns im Takte drehen,
bevor ich sie zu andern Dingen führ,
und sie wird meine Absicht gut verstehen,
mir auch verzeihen solcherlei Allür;
ich werde zu ihr gehn mit festen Schritten,
auch wenn ich meine weichen Knie spür.

Mein schönes Fräulein, darf zum Tanz ich bitten?
Ich hoffe, dass der Vater es erlaubt,
denn ungern hätt ich mich mit ihm gestritten.

Selten habe ich charmantere
Herren schon zurückgewiesen.
Zwar der Vater ist mein Mann,
doch Ihr kriegt den Tanz - nur diesen! -;
gehn wir zu den andern Tanzenden.

Nun, mein Mann scheint auf den keimenden
Streit sich gerne einzulassen
mit dem Freund, den Ihr gebracht;
scheut Euch nicht, mich anzufassen,
sehn doch nichts die beiden Streitenden!

Du hast mir längst schon den Verstand geraubt;
wohl hab ich deinen Ehering gesehen,
jedoch an deine Unschuld nicht geglaubt.
Komm, lass ein wenig in den Wald uns gehen,
solange noch die Abendsonne scheint,
solange noch die warmen Lüfte wehen;
in deinem Schoße mit der Welt vereint
wird alle Not und Trübsal mir vertrieben,
der Gram, der’s stets so treu mit mir gemeint!
Ich hab mein Herz für heute dir verschrieben
und hoffe, dass es dir genauso geht;
so wild und stürmisch möchte ich dich lieben
wie das Gewitter, das am Himmel steht!


Allegro

Liebster, lass uns vor den donnernden
Wolken flüchten zu den Buchen,
unter ihrem Blätterdach
vor dem Regen Schutz zu suchen
und den Blitzen, den bedrohenden!

Schon klebt mir am Leib das lästige
Kleid, das mich nicht kann erwarmen.
Setz dich unter diesen Baum,
halt mich fest in deinen Armen,
da ich mich so schrecklich ängstige!

Ach Josefine, lass dich nicht verdrießen!
Schon seh ich unter deinem nassen Kleid
der Liebe Knospen vielversprechend sprießen;
auch ich bin lange schon für dich bereit.
Nun schließ die Augen, der Natur zu lusen,
und küsse mich - wir haben wenig Zeit!

Dem im Herzen ewig siedenden
Lustgefühl ist zu verdanken,
dass wir nimmer Nein gesagt,
auch wenn wir im Geiste schwanken,
wir, die ärmsten ewig Liebenden!

Eint uns so der ewig bleibende
Hang zum anderen Geschlechte,
schilt man treulos uns und bös;
wir tun nimmermehr das Rechte,
wir, die ärmsten ewig Leidenden!

In Wald und Feld, in meinem Geist und Busen
ergießen sich des Regens Ströme hin,
ein Wasserfall gleich einem Gruß der Musen,
und tobt ein Sturm, dem ich ein Spielzeug bin,
die Blitze zucken wie ein Fegefeuer
hier auf dem Lande und in meinem Sinn,
als stieße man mich in die Hölle heuer;
der Donner grollt so laut und fürchterlich
als stürzte das Chinesische Gemäuer,
als öffnete die Erde selber sich -
wenn ich nicht schon mein Ende fürchten müsste,
fürwahr, so fürchtete ich heute mich!

Natur, Geliebte, wogen diese Brüste,
ernähren ihre Diener sich zuhauf
und freuen sich der neu erblühten Lüste.
Noch einmal bäumen sich die Himmel auf,
mit letzter Kraft ihr Werk zum Schluss zu bringen,
und lassen dann den Dingen ihren Lauf.

Schon höre ich den Donnerhall verklingen,
die Grillen zirpen nun an seiner Statt;
bald werden auch die Vögel wieder singen.
Die Himmel sind erschöpft und liegen matt,
wie vorm Gewitter, wenn auch etwas trüber,
auf dem, was Lyssa heimgesuchet hat.
Nun ist es still: die Stürme sind vorüber.


Allegretto

Welch große Wonne für den Unbeirrten:
das Licht vertrieb die finstre Sturmesnacht -
mit Freuden kommt das Schaf zu seinem Hirten,
die satten Wälder grünen voller Pracht,
und dankbar singt der Hirte seine Lieder
dem Himmel, der den Regen hat gebracht.

Welch eine Wonne,
der Regen ist vorbei:
nun scheint uns die Sonne
und macht den Himmel frei!

Licht hat vertrieben
das dunkle Sturmgebraus;
so kommt, meine Lieben,
und geht mit mir hinaus!

Kommt nur mit Freuden,
um auf der Wiese jetzt
die Gräser zu weiden,
die frisches Wasser netzt!

Satt sind die Wälder,
es schwillt des Baches Lauf,
es grünen die Felder:
die Erde atmet auf!

Es glänzt der Schwäne göttliches Gefieder,
Forsythien lachen uns am Wegesrand,
in neuer Pracht erstrahlen Klee und Flieder,
und liebend schlingt des Regenbogens Band
sich um die Erde. Tausend Schmetterlinge
umgaukeln Blüten flatterhaft galant
wie Mädchen Männerherzen, und ich schwinge
mit ihnen mich durch frühlingshafte Luft;
ich atme tief sie ein, bin guter Dinge,
genieß der Maiglock’ zauberfrischen Duft,
den Wohlgeruch von Nelke und Holunder;
die Raben kreisen in der Felsenkluft,
und jedes Wesen ist ein kleines Wunder.
Wie gut, dass ich befolgt Mephistos Rat:
hier draußen wird mein kranker Geist gesunder,
ich fühle mich gestärkt zu neuer Tat
und frei gleich einem Vogel oder Falter
auf diesem lichten freudenvollen Pfad;
in jenem Graben, dort beim tumben Halter,
liegt Josefine regungslos im Sand,
und gleich daneben liegt ihr toter Alter,
die warme Büchse in der kalten Hand.


7. Animato

So dumpf und trostlos scheint mir diese Alte -
Mephisto, zeige mir die Neue Welt,
damit ich ihre Zukunft mitgestalte
als Freiheits-, Friedens- und als Menschenheld!
Durch grenzenlose Wälder will ich schreiten,
wo mir kein Stein, kein Zaun den Weg verstellt,
und wo es sein muss für die Menschen streiten
und ihnen stets ein guter Anwalt sein,
wenn sich die Spanier wie die Pest verbreiten
und nach dem Blut der Eingebornen schrein!

So lass uns denn zum Eldoado wallen,
von roher Gier in Trümmer bald gelegt
des künftgen Kaisers lüsterner Vasallen,
die raubend, plündernd, mordend unentwegt
entmenscht die wahren Menschen überfallen,
als ob in ihnen kein Gefühl sich regt.
Auch dir wir niemand trauen: ungesehen
greifst du am Besten ein in das Geschehen.


Adagio

Montezuma, Bruder und Geliebter,
gut, dass du so eilend kamst!
Tenuchtitlans Herrscher und Gebieter,
hör, was deine Schwester sagt:
Huecmac, der weiße Gott, kehrt wieder!

Er, den andre Götter einst vertrieben,
weil er voller Abscheu strikt
Menschenopfer hat zurückgewiesen,
kommt zu uns und hält Gericht,
alle Massenmörder zu besiegen.

Mit Getreuen wird er wiederkommen
aus dem Osten mit dem Kreuz
bald in einem Jahre Eins des Rohres,
und ein solches schreibt man heut;
denk daran, was er dem Volk geschworen!

Seine Zeichen hast du wohl verstanden:
übers Ufer trat der See,
des Huitzilopochtlis Tempel brannte,
und man hörte unentwegt
Götterstimmen, die die Kinder warnten.

Ständig sehen wir Kometen ziehen,
Unheil kündend ist ihr Schein;
jeden Himmelsstern in einem Spiegel
hat ein Adler dir gezeigt,
und auch Krieger auf gewaltgen Tieren!

Denk der weißen Säule, die wir sahen
überm Meer gleich einem Mann,
und wie plötzlich erst vor wenig Tagen
deine Schwester Papan starb
in der Blüte ihrer Jugendjahre.

Ja, ich stieg hinab ins Reich der Toten:
schwül und drückend war die Luft,
Totenlieder sang mir manch ein Vogel,
wo am Rande einer Schlucht
steile Felsenwände sich erhoben.

Blumen. Gras und Sträucher hört ich weinen,
und ein Stern tat auf den Mund:
Edles Kind, besinne dich beizeiten;
Papan, kehre um - kehr um!
Aber ich ging weiter, immer weiter.

Dann verschwanden Blume, Stern und Vogel,
und es wurde kahl um mich,
als Izpapalotl mich bedrohte,
jener böse Schmetterling,
sich mein Fleisch und meinen Geist zu holen.

In den wilden Bergstrom wollt ich springen,
glaubte sicher dort zu sein -
plötzlich sagte zu mir eine Stimme:
Halt! Noch bist du nicht so weit,
dieses letzte Wasser zu durchschwimmen.

Der an jenem Wildbach mir begegnet,
war ein junger weißer Gott;
von der Schönheit und dem Glanz geblendet
flog Izpapalotl fort,
und der weiße Gott nahm meine Hände.

Und er hieß die Sonne sich erheben,
und er zeigte mir die Schlucht,
und ich konnte alles deutlich sehen:
das Gebirge ringsherum
war errichtet nur aus Menschenschädeln!

Vor mir stand ein schreckliches Gebäude,
schwarz, zur Hälfte fertig erst,
aufgebaut von bösen grünen Teufeln,
die ich nie zuvor gesehn,
und ich fragte, was der Bau bedeute.

Ein Gefängnis werden wir erbauen
für die Großen deines Volks,
die errichtet diesen Schädelhaufen
bis zur Spitze meines Throns,
und sie werden es zu spät bedauern.

Geh zurück, dein Volk erneut zu warnen;
noch zur Umkehr ist es Zeit,
sind der Sonne Söhne nicht gelandet,
richten nicht die Schlächterein -
doch schon bald ist eure Frist vergangen.

Montezuma, Bruder und Geliebter,
gut, dass du so eilend kamst!
Tenuchtitlans Herrscher und Gebieter,
hör, was deine Schwester sagt:
Huecmac, der weiße Gott, kehrt wieder!

Meine Schwester redet irre!
Auch wenn du im Grab gelegen,
bist du niemals tot gewesen;
Fieberträume kamen drinnen
und verwirrten deine Sinne.
Was du sagst, es kann nicht stimmen:
unerhört sind solche Dinge,
dass die Toten auferstehen
und wie vor dem Tode leben;
meine Schwester redet irre!

Ihr habt Recht, sie redet irre:
Eure Schwester ist von Sinnen!

Mag sie wohl auch irre reden:
reden Götter nicht durch Irre?
Fassen wir uns auf das Schlimmste:
wenn die Götter Land betreten,
werden alle Tempel beben,
und der Priester wird erschaudern.
Nein, ich kann’s, ich will’s nicht glauben,
was im Wahn dahergeredet;
niemals trete meine Schwester
wieder unter meine Augen!


Agitato

Montezuma, großer Kaiser,
gerade kommen wir vom Meer,
und wir dürfen nicht verschweigen,
was wir dort am Strand gesehn!

Große Boote, hoch wie Tempel,
schwimmen aus dem Osten her,
und wir sahen voll Entsetzen
weiße Götter oben stehn.

Huecmac ist heimgekommen,
blutig unser Volk zu richten,
falls wir nicht in seinem Sinne
herzlos ihm nur opfern sollten;
Menschenherzen aber wollen
alle andern Götter haben,
die ihn selber einst verjagten.
Sollt er sie jedoch bezwingen,
wird er gleichfalls uns vernichten;
sind die Götter schon gelandet?

Herr, wir wollten nicht verweilen,
ohne dass Ihr es erfahrt,
sondern sind hierher geeilet
zu berichten, was geschah.

Wartet auf den Gott am Ufer,
haltet auf ihn durch Geschenke
und erforschet auch sein Denken:
fragt, weshalb er uns besuche,
trennt euch dann von ihm im Guten;
achtet auch auf seine Waffen
und verwehrt, ihn einzulassen
in die Stadt. Ich will gleich morgen
uns zum Schutz dem Kriegsgott opfern
tausend Herzen von Gefangnen.


Herr, die Götter sind recht schwierig,
und man hält sie nicht zum Narrn,
denn sie haben uns erniedrigt,
so wie nur ein Gott es kann!

Küssten uns wie ihre Weiber,
lachten laut und viel zu viel,
und wir mussten alle beide
vor dem Kreuze niederknien.

Weigern sich, mit uns zu sprechen:
brachten eine Frau sich mit,
die, was wir von uns erzählen,
in die Göttersprache bringt.

Schmatzen wie ein Hund beim Fressen,
danach übergab ich schon
ihnen unsere Geschenke,
doch die Freude war nicht groß.

Achten nicht die Rosendüfte,
nicht das teuerste Gewand,
sie verschmähen unsre Künste
und die schönste Sklavin ganz.

Sie verwerfen unsre Jade
und die edlen Schnitzerein,
auch die Speisen, die wir gaben,
als ob alles wertlos sei.

Nur was billig, kann sie rühren:
als sie dann das Gold geschaut,
gingen ihre Augen über,
so wie uns bei schönen Fraun.

Schenkten uns aus ihrer Fülle
einen morschen alten Stuhl,
eine ausgediente Mütze
und noch falschen Schmuck dazu.

Sagen, dass sie länger blieben,
wollen auch in unsre Stadt.
Obre reiten Göttertiere:
Pferde werden sie genannt.

Viele dieser Götter haben
schwarze Menschen mitgebracht -
diese dienen wohl als Sklaven:
sie sind freundlich und sind stark.

Doch weshalb sie hier verweilen,
haben sie uns nicht gesagt;
sprachen wohl von Handel treiben,
doch das ist gewiss nicht wahr.

Denn sie zeigten uns auch Rohre,
die durch Feuer, das sie spein,
einen ganzen Wald verkohlen,
dass kein grünes Blatt mehr bleibt.

Geht zu ihnen oft hinunter:
bringt das Gold, das sie begehren,
und was nötig ist zum Leben.
Sammelt dankbar ihren Plunder,
wie man teure Schätze bunkert,
dass sie treiben ihren Handel
und recht gut Geschäfte machen;
zeigt euch ihnen stets erbötig,
dass ihr sie so lang wie möglich
fern von Tenuchtitlan haltet!


Allegro con fuoco

Hör, Montezuma, Friede deinem Namen:
nicht Götter sind’s, die in die Stadt gewollt!
Es sind die Weißen, die von Osten kamen,
die Teufel Huecmacs: sie fressen Gold
und kommen, all das Opferblut zu rächen,
deswegen euch der weiße Gott so grollt!

Welche körperlose Stimme
wagt es, meinen Schlaf zu stören
und die Götter zu verhöhnen?
Wenn dich denn die Götter schicken,
meine Sinne zu verwirren,
habe ich noch ein paar Fragen:
erst einmal nach deinem Namen,
dann auch, welchem Gott du dienest;
welcher Gott wird letztlich siegen,
und was würdest du mir raten?

Ich muss mit dir, dem Kaiser, dringend sprechen;
ich selbst bin Punjo und der Freiheit Gott,
und wollt der stärkste Gott die Macht mir brechen,
gereichte ihm dies nur zu Hohn und Spott.
Den größten Tempel sollst du mir errichten:
die Freiheit ist und bleibt der stärkste Gott!

Die weißen Teufel werden euch vernichten,
die Huecmac in euer Land gesandt,
willst du auf deine Gräuel nicht verzichten.
Noch hältst du selbst dein Schicksal in der Hand;
willst du die rohen Sitten nicht begraben,
so legen sie in Trümmer dieses Land,
denn wo sie jemals Gold gerochen haben,
da ließen sie kein Fleckchen unzerstört.
Drum sende ihnen keine weitren Gaben:
wenn sie von eurem Reichtum erst gehört,
erhört kein Gott mehr euer banges Flehen,
so sehr hast du den weißen Gott empört!

Wir werden auf der Teufel Seite stehen,
und jeder weiße Teufel ganz allein
wird tausend deiner Krieger niedermähen.
Vergebens werdet ihr um Hilfe schrein,
der andern Götter Tempel werden beben,
und diese Stadt wird gleich der Erde sein.

Dies ist die letzte Chance in deinem Leben:
willst du nun dein verstocktes Herze rührn,
den Sklaven ihre Freiheit wiedergeben
und keinen mehr zum Opfersteine führn,
so wollen wir an deiner Seite trotten,
und du wirst große Freude bald verspürn,
mit uns die weißen Teufel auszurotten,
die blutbefleckten Tempel zu zerstörn,
die unterlegnen Götter zu verspotten
und ewge Feindschaft ihrem Kult zu schwörn!

Nein, ich will dein Wort nicht glauben:
glaube nicht an ihre Schwäche,
glaube nicht an deine Stärke -
warum sollt ich dir vertrauen?
Du entziehst dich meinen Augen,
niemand kennt dich, baut dir Tempel.
Magst du auch gewaltig sprechen:
mächtiger sind jene Götter,
die gewaltig schweigen können!
Nur der Kriegsgott wird uns helfen.


Andante con moto

Montezuma, Herr und Kaiser,
jene weiße Ritterschaft
sammelt sich mit unsern Feinden
und marschiert auf unsre Stadt!

Eilend müssen wir verhindern,
dass sie unsrer Stadt sich nahn:
sie zerschmettern Götterbilder,
ihre eignen Tempel gar,

Blut fließt, wo sie hingekommen,
Tod und Leid ist ihre Spur;
Cholula ist ausgerottet -
nichts entgeht der Götter Wut!

Und so kommen sie gelaufen,
ziehen an die Stadt heran;
es sind ihrer viele tausend,
an der Spitze Huecmac.

Und er sagt, dass er den Wunsch hat,
Tenuchtitlan anzuschaun,
und den großen Montezuma
will er sehen Aug in Aug.

Nun, so sollt ihr ihn empfangen
mit den vielen andern Weißen
und auch Montezumas Feinden
ehrenvoll in Quauhtechcatl;
bringt recht viele Opfergaben,
sorgt euch um ihr Wohl und Leben -
lasst sie nur nicht weitergehen!
Ich will nun dem Kriegsgott opfern,
denn er trägt wie ihr die Sorge,
dass sie nicht die Stadt betreten.


Vivace

Du wirst den weißen Teufeln nicht entkommen:
nach Tenuchtitlan ziehen sie schon bald,
und haben sie die Stadt erst eingenommen,
so herrschen Habgier, Terror und Gewalt;
die Welt geht unter, wenn ihr in die Hände
der menschverachtenden Barbaren fallt!

Doch jetzt ist noch nicht aller Tage Ende:
auf einer Insel ist die Stadt gebaut,
und schützend liegt der See um ihre Strände,
von wo man kaum das andre Ufer schaut;
hier wird die letzte Möglichkeit bestehen,
euch doch noch zu erwehren eurer Haut!

Sie müssen ja auf einem Damme gehen:
sperrt alle Dämme bis auf einen dann
und achtet, dass sie nicht die Falle sehen,
der nicht ein Teufel mehr entrinnen kann -
denn hat der Letzte erst den Damm betreten,
greift ihr sogleich von beiden Seiten an
und tut, was sie mit euch so gerne täten.
So schlagt und stecht nur fröhlich auf sie ein;
ihr Herz bringt eurem Gott mit Dankgebeten -
es soll das letzte Menschenopfer sein!


Moderato maestoso

Ach, Huitzipolochtli, helfe
uns als deinen stets Getreuen;
Huecmac und seine Freunde
wollen unsre Stadt betreten.
Sie missgönnen dir die Herzen,
die dir doch das Leben bringen,
und so höre unsre Bitte:
lass sie in die Falle trotten,
dass uns keiner kann entkommen
und wir jeden Mann vernichten!


Presto

Seht, die weißen Götter kommen,
wollen in die Stadt hinein!
Seid ihr alle auf dem Posten,
seid ihr für die Schlacht bereit?

Schwimmen an dem Damme Nachen,
sind Soldaten in der Stadt,
stehn Soldaten zu dem Kampfe
gut getarnt im Hinterland?

Nun, so mögen sie wohl kommen
und in ihr Verderben ziehn,
dass wir unsern Göttern opfern
weiße Götter für den Sieg!

Haltet ein! Ganz etwas Neues
ist uns in den Weg getreten,
denn vom Popocatepetl
stieg empor die weiße Säule!
Dieses kann nur eins bedeuten,
wie uns unsre Priester sagen:
Huecmac kommt als der Starke,
den wir nicht besiegen können,
und so müssen wir die Götter
so wie Götter auch empfangen!

Bringt die schönsten Opfergaben,
richtet fürstliche Quartiere,
sendet ihnen eure Diener,
schenket ihnen eure Sklaven,
dass an nichts es ihnen mangelt,
denn der Popocatepetl
hat befohlen, sie zu ehren;
wenn die Götter wir erzürnen,
wird die ganze Stadt verschüttet
unter seinem Ascheregen!


Maestoso

Huecmac, du Friedensbringer,
über jeden Gott erhaben,
lange haben wir gewartet,
bis du nun zu deinen Kindern
heimgekehrt bist, zu errichten
hier dein Reich als Weltbeherrscher.
Voller Ehrfurcht freudig werfen
wir uns heut zu deinen Füßen;
nichts soll deinen Geist betrüben,
jeden Feind sollst du zerschmettern!

Ziehe nun mit jenen Fremden
siegreich ein in Tenuchtitlan,
der von Osten mit dem Wind kam;
lange harrten unsre Herzen
ungeduldig, hoffnungschwellend
auf dein holdes Wiederkommen,
das wir heute feiern wollen!
Endlich, endlich kehrst du wieder,
endlich bringst du uns den Frieden,
und auf ewig scheint die Sonne!

Dank dir, Montezuma, uns so zu begrüßen,
gesegnet seist du und gesegnet dies Land.
Welch prächtige Stadt liegt zu unseren Füßen:
solch Reichtum ist keinem der Unsern bekannt!

Kann menschliches Auge die Schönheit erfassen?
Fast glaubt man, im Himmel auf Erden zu sein;
die herrlichen Städte der Heimat verblassen,
gemessen an solch paradiesischem Schein!

So sehr bin vom Glanz dieses Orts ich benommen,
dass beinah das edle Geschenk ich vergaß:
dies Halsband als Dank für das große Willkommen
mit köstlichen Perlen aus teuerstem Glas!

Dir will ich zwei Ketten geben
roter Muscheln, unbezahlbar;
als Verzierung hängen daran
ein paar goldene Garnelen:
nimm als Opfer sie entgegen
und als Zeichen deiner Herrschaft!
Dir und deiner Soldateska
ist das Lager schon bereitet
im Palast des alten Kaisers,
der dein treuer Diener selbst war.

Höret, meine Untertanen:
dieses sind die weißen Götter,
deren große Kraft wir schöpfen;
Huecmac ist aller Vater,
und ich selber bin sein Sklave.
Folget jedem ihrer Worte:
ihre Bitten sind Gebote,
ihr Besuch ist uns ein Segen,
ihre Wut ist uns Verderben -
lasst uns für ihr Wohl drum sorgen!


Vivace

Siehst du, Punjo, keine Teufel
sind die Treun des weißen Gottes;
rügen zwar das Menschenopfer
und erzählen viel vom Kreuze,
doch sie zeigen sich als Freunde
und sind liebenswerte Wesen,
die in Frieden mit uns leben:
ihrer Herrschaft ist zu danken,
dass wir friedlich mit den alten
und den neuen Göttern leben.

Du scheinst die deiner Sache ziemlich sicher;
sieht man den Tagtraum nicht als solchen an,
wird das Erwachen um so fürchterlicher!
Der erste dieser weißen Teufel sann,
seit seine Horde in der Stadt erschienen,
wie er dich nur gefangen nehmen kann:
als Geisel sollst du ihrem Schutze dienen,
solange sie verweilen in der Stadt -
woher nur nimmst du dein Vertraun zu ihnen?
Bis jetzt lief für die Räuber alles glatt;
sie wollten mit der Geiselnahme warten,
bis sich ein Vorwand eingefunden hat.
Nun hat man einen deiner Potentaten
grad auf der Folter zu dem Wort erpresst,
du hättest ihm zur Rebellion geraten,
was sich als Vorwand doch wohl hören lässt.
Nachdem man dies Geständnis hat vernommen,
nimmt man den Kaiser auf der Stelle fest;
schon hör ich deine weißen Freunde kommen!

Du wolltest in unseren Rücken uns fallen
und hast unser großes Vertrauen vertan;
soeben gestanden mir deine Vasallen
den unheimlich bös ausgetüftelten Plan!

Du hast voller List unsre Gunst dir erworben
und dachtest, wir würden die Falle nicht sehn;
schon sind zwei der Unseren grausam gestorben -
es wird ihren Mördern nicht anders ergehn!

Sie mussten uns letztlich die Schandtat bekennen
und auch, wer zum Mord überredet sie hat:
man wird sie vorm Tempel lebendig verbrennen
und mit ihnen sämtliche Waffen der Stadt!

Du wirst als Gefangener mit uns jetzt kommen,
als Kaiser, der Wohnung bei Göttern bezieht;
dort wirst du von unseren Leuten vernommen,
dann werden wir sehen, was weiter geschieht.


Allegro moderato

Montezuma, großer Kaiser,
halte dich zum Kampf bereit;
bald schon enden deine Leiden,
denn wir werden dich befrein.

Nicht mehr länger sollst du wohnen
in der Weißen Domizil,
wo man dich seit vielen Monden
so wie einen Sklaven hielt.

Allzu weit getrieben haben
es die weißen Götter nun,
und wir sehen ihren Taten
nicht mehr länger ruhig zu!

Ihre ersten Feinde machten
sich die Treuen Huecmacs,
als die Fürsten sie verbrannten
mit den Waffen unsrer Stadt.

Ihre Habgier schreit zum Himmel:
unsre Kunst ist ihnen Spott,
doch sie scheinen wie von Sinnen,
riechen sie ein Klümpchen Gold.

Und ganz Tenuchtitlan hasst sie,
seitdem Huecmac zerschlug
des Huitzipolochtlis Tempel
und entfernt das Opferblut!

Um zu sühnen diese Untat,
fordern Rache hier und jetzt
Punjo und Tetzcatlipula
und Huitzipolochtli selbst.

Sie versprachen unsern Priestern
einen Sieg fast ohne Kampf,
denn sie geben ihren Dienern
diese Frevler in die Hand.

Lass uns keine Zeit vergeuden,
greifen wir sie schnellstens an;
Huecmac und seine Freunde
sind verschwunden aus der Stadt!

Viele mussten sich entfernen,
denn sie müssen sich im Krieg
andern weißen Göttern stellen;
nur noch achtzig blieben hier.

Gegen weiße Götter selber
will ich euch nicht kämpfen lassen;
sie sind stärker als die andern,
und sie wollen unser Bestes.
Niemand braucht mich drum zu retten,
niemand greife zu den Waffen,
steh ich doch auf mein Verlangen
mit dem weißen Gott im Bunde;
lediglich zu seinem Schutze
werde ich hier festgehalten!


Prestissimo

Schlagt die Trommel, schlagt die Trommel,
dass es keinen Tänzer hält;
viele tausend sind gekommen
zu Tetzcatlipucas Fest.

Priester tanzen mit den Jungfraun,
Fürsten mit dem ärgsten Feind,
gleich wohin man sich auch umschaut,
jeder schwelgt in Seligkeit.

Und die Mädchen tragen Blumen
in dem langen schwarzen Haar,
und die Kinder, sie versuchen,
wie die Großen sich zu nahn.

Und ein Brot wird hier gebrochen,
und ein Gras wird hier geraucht,
und ein Zustand eingenommen,
dass man aus der Welt sich glaubt.

Freude trinken alle Wesen,
wenn sie nur von Adel sind:
heute leben wir das Leben,
und die Liebe wird geliebt!

Was ist das? Die Weißen kommen,
und es scheint beileibe nicht,
dass sie mit uns feiern wollen;
wonach steht ihr böser Sinn?

Sie blockieren alle Tore,
und sie schießen auf den Platz -
wachet auf, wir sind verloren;
Kinder Mexikos, erwacht!

Doch zu spät! Da hilft kein Schreien,
auch kein Flehen rührt ihr Herz:
Männer, Frauen, Kinder, Greise
werden so wie Vieh zerfetzt!

Grausam wüten die Barbaren,
schlagen ohne Rücksicht zu,
und kein Tempel könnte fassen
das vergossne Menschenblut.

Als sie sich am Ende trollen,
haben sie in blindem Hass
tausend Seelen ausgerottet
und den Adel dieser Stadt.

Trollt euch nur, ihr tapfern Männer!
Bald schon endet euer Ruhm:
wir und unsre Götter rächen
jeden Tropfen ihres Bluts!

Tausend Gäste, tausend Menschen,
tausend Tote auf dem Platz:
tausend Tode sollen sterben,
die uns dieses Leid gebracht!


Ritardando

Ich konnte die anderen Spanier besiegen,
und ihr solltet, während im Kampfe wir stehn,
die Stellung zwar halte, doch niemand bekriegen -
nun sag, was in Tenuchtitlan geschehn.

Ihr habt Euch doch recht oft beklagt
und seid schon fast daran verzagt,
dass die Bewohner dieser Stadt,
die so viel Gutes für uns hat,
in der das Gold in Strömen rinnt,
uns nicht so freundlich sind gesinnt,
wie es am Anfang war der Fall.
Man sah es hier und überall,
man hörte es in jedem Wort:
sie wünschten sich uns wieder fort!
Kaum zogt Ihr aus der Stadt zum Streit,
da trieben sie es gar zu weit:
man brachte uns kein Essen her,
kein Gold und keine Sklaven mehr;
man ließ im Stich die hohen Gäst’
und lud stattdessen uns zum Fest.
Man hätte uns, hab ich gedacht,
auf diesem Feste umgebracht;
das ließ mir lange keine Ruh,
und so schlug ich als erster zu,
weil unter Schurken der gewinnt,
der selber mit dem Kampf beginnt!
So ließ ich meine Truppe ziehn
zu ihrem Feste, denn es schien
die rechte Zeit, der rechte Ort:
der ganze Adel tanzte dort.
Ich dachte, dass der Adelsstand
hat alles Volk in seiner Hand,
und sind die Fürsten erstmal tot,
dass keinerlei Gefahr uns droht;
denn wär das Volk erst führungslos,
so sei der Widerstand nicht groß!

Du bist ein Idiot! Herb genug ist kein Tadel:
du weißt es am besten, ich weine bestimmt
nicht um die Indianer und nicht um den Adel;
ich weine um uns und die Macht, die entschwimmt!

Als Sieger in unsere Stadt wollt ich ziehen,
da hört ich von deinem Massaker, du Held!
Hätt ich einem Kind das Kommando verliehen,
so wären wir nicht von Indianern umstellt!

Uns wollen vernichten, die hinter uns standen,
und selbst Montezuma vertraut uns nicht mehr;
der Schatz seines Vaters, den kürzlich wir fanden,
er bleibt nun verloren dem spanischen Heer!

Verloren die Stadt und der Reichtum vergeben,
von brennendem Durst und von Hunger geplagt,
und retten wir nur unser eigenes Leben,
so ist das noch mehr als zu hoffen man wagt!

Von einhunderttausend Indianern umzingelt,
die Dämme blockiert und die Brücken zerstört,
so sitzen wir fest auf der goldenen Insel,
die uns doch und unserem König gehört!


Presto con fuoco

Heute ist der Tag der Rache,
heute will geopfert sein;
heute werdet ihr erblassen,
seid ihr auch schon jetzt so weiß!

Heute speisen wir die Götter,
heute ist ihr großer Tag,
denn Huitzipolochtli möchte
euer Herz zum Abendmahl!

Mein Freund Montezuma, du siehst, in Bedrängnis
befinden sich nun die Gebieter der Stadt;
wir sitzen genauso wie du im Gefängnis
und haben schon fast die Eroberung satt!

Beruhigst du draußen die tobenden Massen,
damit wir in Frieden aus Mexiko ziehn,
so will ich dich heute noch fortgehen lassen
und mit meinen Männern nach Osten entfliehn!

Kommt heraus, ihr müden Götter,
denn sonst kommen wir hinein,
dass wir mit euch kämpfen können -
zeigt uns doch, wie stark ihr seid!

Wagt ihr nicht, mit uns zu streiten,
tötet ihr denn nicht mehr gern? -
Seid zum Kampfe ihr zu feige,
zwingt der Hunger euch zuletzt!

Wir möchten von allen im Frieden nun scheiden,
auch wir haben Frauen und Kinder zu Haus;
wir wollen die blutigen Kämpfe vermeiden:
lasst einfach uns über die Dämme hinaus!

Wir werden uns euren Bedingungen beugen,
ja, ohne die Waffen gar zögen wir fort,
und um euch den Ernst unsres Wunschs zu bezeugen,
hat nun Montezuma, der Kaiser, das Wort!

Nein, er ist nicht unser Kaiser,
denn ein neuer ist gekrönt,
der mit seinem Volke streitet
und die fremde Macht zerstört!

Jener hat sein Volk verraten,
und wir wollen ihn nicht sehn:
Montezuma, der Versager,
ist nicht unser Kaiser mehr!

Meine lieben Untertanen,
lasst euch nicht dazu verleiten,
unsre Götter anzugreifen,
die uns doch so freundlich nahten
und so wohlgesonnen waren.
Können wir auch nicht verstehen,
warum sie sich selbst erwählen,
selber töten ihre Opfer;
uns zum Heil sind sie gekommen,
darum sollten wir sie ehren!

Ihr werdet nicht auf Montezuma hören,
den Mann, der euch zu Sklaven hat gemacht,
sein falsches Wort wird nicht mehr euch betören,
denn mit den Weißen in die Stadt gebracht
hat er das Leid. Er bittet für die Täter;
hat Montezuma je an euch gedacht?
Er hofft auf Freiheit früher oder später,
doch alles andre scheint ihm gleich zu sein,
und darum: steinigt, steinigt den Verräter!

Wohlan! Schon fliegt der erste große Stein
und lässt auf weitere Geschosse hoffen:
ein Steinehagel prasselt auf ihn ein,
und mancher hat ins Schwarze schon getroffen -
dort sinkt der schwache Kaiser kraftlos hin,
und seine ganze Ohnmacht liegt jetzt offen.

So bringt ihn zurück und lasst uns ihn vergessen
in seinem Gefängnis, das bald schon sich leert:
versorgt nicht die Wunden und bringt nichts zu essen;
er ist uns als Kaiser nun nicht mehr von Wert.

Ein solches Töten steht nach meinem Sinn -
dass man doch jeden Fürsten so bezwinge!
Des Herrschers Tod ist stets dem Volk Gewinn,
vertritt er nur die eignen eitlen Dinge,
statt dass er für sein Volk sich opfert auf;
ach, dass es jedem Herrscher so erginge,
der einem Feind sein eignes Volk verkauft!


Tristo

Erwacht! Erwacht! Die weißen Götter fliehen
und nutzen als die letzte Hoffnung nun
die Nacht, die Nacht, aus eurer Stadt zu ziehen:
ihr könnt, ihr dürft, ihr sollt - ihr wollt nicht ruhn!
Schon satteln sie die letzten ihrer Pferde,
beladen mit dem Schmuck aus vollen Truhn,
auf dass die Habgier ihr Verhängnis werde:
die Nahrung dieser Teufel ist das Gold,
und ihre Losung ist verbrannte Erde!

So ist nun euer Schatz der Mörder Sold,
auf den ihr sicher ungern nur verzichtet,
und den ihr mit den weißen Leichen wollt!
Sie haben die Gefangnen hingerichtet,
versammeln sich vorm Tore Mann für Mann
und werden heute Nacht von euch vernichtet!

Seht, die weißen Götter kommen,
wollen aus der Stadt hinaus!
Seid ihr alle auf dem Posten,
sind die Brücken abgebaut?

Schwimmen an dem Damme Nachen,
sind Soldaten in der Stadt,
stehn Soldaten zu dem Kampfe
gut getarnt im Hinterland?

Nun, so mögen sie wohl kommen
und in ihr Verderben ziehn,
dass wir unsern Göttern opfern
weiße Götter für den Sieg!

Gebt Acht, dass niemand euch bemerken kann,
bis sie die erste Lücke überbrücken,
dann greift ihr sie von allen Seiten an;
sie stehen wehrlos zwischen beiden Lücken.
Im Wasser wartet links und rechts der Feind,
der Feind im Angesicht, der Feind im Rücken,
und manche Träne wird wohl noch geweint,
wenn ihnen dann der eigne Gott so ferne
und doch so nahe sein Gericht erscheint!
Die Nacht ist schwarz und ohne Mond und Sterne,
die Straßen sind vom frischen Regen glatt,
dass Huecmac die Menschenfurcht erlerne.

Nun ziehn sie still und heimlich aus der Stadt;
schon ist die erste Lücke überwunden
durch Bretter, die man mitgenommen hat
und sich zu einer Brücke hat gebunden,
da tönt ein Schrei aus tausendfachem Mund:
die Bretter sind im Wasser bald verschwunden,
die Pferde scheuen, schlittern, stürzen und
manch neureichen Soldaten zieht es nieder
durch schweres Gold auf den Lagunengrund.
Das Götterjammern hallt gespenstisch wider,
das Wasser färbt sich rot vom Götterblut,
und eine Brücke bilden jetzt die Glieder
der Toten, welche treiben durch die Flut:
darüber flüchtet mancher Gott beklommen,
doch nichts entgeht der Unterjochten Wut!

Passt auf! Denn Huecmac darf nicht entkommen;
mit seinen Kommandanten ist am Stück
er hin zum andern Ufer schon geschwommen!

Gott hat uns den furchtbaren Wilden entrissen,
und glücklich erreichten wir sicher den Strand;
es kämpfen die anderen wirklich beflissen,
doch haben die Feinde sie fest in der Hand.

Die jetzige Flucht wird das Leben uns kosten,
allein kommt ein Trupp ganz gewiss nicht zum Meer;
hier stehen wir auf dem verlorensten Posten -
wir kommen nicht durch dieses Land ohne Heer!

Ich würde auf uns keinen Knopf mehr verwetten,
doch Furcht fließt ja nicht in soldatischem Blut.
Wir müssen so viele wie möglich noch retten:
kehrt um, Kameraden, beweist euren Mut!

Dort kommen die Geretteten zurück,
um sich noch einmal in den Kampf zu wagen,
und hoffentlich verlässt sie jetzt ihr Glück.
Doch scheinbar sind die Mörder nicht zu schlagen;
unsterblich scheinen wahrhaft sie zu sein,
als würden sie von Götterhand getragen,
und manchen andern können sie befrein;
die meisten aber fallen in die Hände
der Feinde; auf der Götter Opferstein
erwartet sie verdient ein schrecklich Ende -
welch Glück für den, der starb in dieser Schlacht
! Nur eine Handvoll Krieger flieht behende
mit Huecmac in dieser tristen Nacht.


Andante con moto

Erfolgreich hat die Spanier man vertrieben:
Tenuchtitlan ist von Weißen frei!
Zwar sind die Menschenopfer noch geblieben,
die vielen Stände und die Sklaverei,
doch hätte diese Frevel überboten
des Papstes und des Königs Tyrannei.
Dies eine Jahr schon forderte an Toten
viel mehr als je den Göttern dargebracht;
nun werden die, die dieses Volk bedrohten,
zu Opfern ihrer Götter selbst gemacht.

Von seinem Plan wird Huecmac nicht lassen.
Bald kehrt sein Heer zurück in dieses Tal:
er reißt die Häuser ein in allen Gassen
und bringt den Menschen wieder Leid und Qual,
so dass die Götter hier vor Neid erblassen
ob seiner Menschenopfer großer Zahl;
es wird die Goldne Stadt der Wüste gleichen,
geschmückt mit vielen hunderttausend Leichen.


8. Allegro appassionato

Gar mancher Widerchrist, der Christ sich nennt zum Schein,
hat die Frage ausgegeben:
soll dieses Gottes Wort, das Evangelium sein,
überall sich zu erheben
und seinen Fürsten all gleich herrenlosen Tiern
den Gehorsam zu versagen,
die Obrigkeit der Welt, der Kirche reformiern,
Herrn vertreiben und erschlagen?

All diesen Frevlern nun, den Gotteslästerein,
all den ketzerischen Zungen
sei Antwort jetzt zuteil: die zwölf Artikel sein
aller Bauern Forderungen!
Was können wir dafür, wenn sich die hohen Herrn
über Gottes Wort empören?
Zwar stellen sie sich taub, vernehmen es nicht gern,
doch sie müssen’s trotzdem hören!

Zum ersten fordern wir, dass uns gestattet wird,
unsern Pfarrer selbst zu wählen:
der sei ein Vorbild uns und ein getreuer Hirt,
dass er rette unsre Seelen.
Doch wenn er falsch uns lehrt und sucht sein eignes Teil
oder strebt nach Erdenschätzen,
so sei es uns erlaubt zu unserm Seelenheil,
ihn auch wieder abzusetzen.

Zum andern wollen wir den Zehnten fernerhin
nur dem Pfarrer selber geben
als den verdienten Lohn, dass er mit Frau und Kind
ohne Sorge möge leben;
man schenke, was noch bleibt, im Dorf den Armen her,
denn kein Reicher soll es raffen.
Den Kleinen Zehnten nur, den geben wir nicht mehr:
Gott hat frei das Vieh erschaffen!

Zum dritten sind wir durch Leibeigenschaft beschwert:
die sollt ihr nicht mehr betreiben.
Das heißt ja nicht, uns sei die Obrigkeit nichts wert,
doch der Leib soll unser bleiben!
Wir alle sind doch schon seit langer Zeit getauft;
soll sich Christus für uns schämen?
Er hat uns durch sein Blut so teuer freigekauft:
wer will diese Freiheit nehmen?

Zum vierten sind beschwert wir durch das unrecht Recht,
Fisch und Wild und das Geflügel
sei Fürsteneigentum; das glauben wir wohl schlecht,
trägt’s doch nirgendwo sein Siegel.
Gott schuf die Tiere uns; so ist in dieser Sach
jedes Fürsten Recht gestorben,
es sei denn, er weist nach, dass er sich Luft und Bach
hat vom Schöpfer selbst erworben!

Zum fünften sind beschwert wir dadurch, dass im Wald
wir das Holz nicht dürfen schlagen;
Gott schuf den Menschen doch ganz ohne Vorbehalt
an den sieben Schöpfungstagen
die Pflanzen und das Tier zu seinem Unterhalt,
wie wir in der Schrift es fanden:
sie sind des Fürsten nicht, er habe denn den Wald
eist vom Schöpfer selbst erstanden!

Zum sechsten sind wir durch die Dienste hart beschwert,
die von Tag zu Tag sich mehren,
den Frondienst, der so sehr an unsern Kräften zehrt,
drum ist unser recht Begehren,
man möge fernerhin von uns, den Bauern, nun
nichts unmögliches erwarten;
wir wollen gerne euch so viele Dienste tun,
wie es unsre Eltern taten.

Zum siebten sind beschwert wir durch der Herren Macht,
uns zur Arbeit auszusenden -
wir zahlen doch fürs Land schon eine hohe Pacht;
damit hat’s nun sein Bewenden.
Ist Not am Mann, so hilft der Bauer gerne schon,
ohne mit dem Herrn zu rechten,
wenn dieser ihm bezahlt den angemessnen Lohn,
wie man’s tut mit allen Knechten!

Zum achten sind wir durch den Pachtzins hart beschwert,
dass ums täglich Brot wir bangen,
weil dieser oft noch mehr als den Ertrag verzehrt,
weshalb wir von euch verlangen,
dass erst ein freier Mann den Wert des Gutes schätzt,
das die Bauern jeweils pflegen,
um angesichts des Werts für uns zu guter Letzt
unsern Pachtzins festzulegen.

Zum neunten sind beschwert wir dadurch, dass wir nicht
nach Gesetz gerichtet werden.
Der Willkür ausgesetzt sind wir vor dem Gericht,
oft erdichtet man Beschwerden;
drum fordern wir von euch, dass weder Gunst noch Neid
die Gerechtigkeit verletze,
dass ihr uns richten mögt in aller künftgen Zeit
nach geschriebenem Gesetze.

Zum zehnten sind wir durch den Brauch sehr hart beschwert,
dass die Äcker und die Wiesen
so mancher Fürst sich selbst zum Eigentum erklärt,
doch wir widersprechen diesen:
Gott sandte Menschen aus, mit Sichel und Verstand
seinen Boden zu verwalten;
so hat der Fürst kein Recht, er habe denn das Land
einst vom Schöpfer selbst erhalten!

Zum elften wollen wir das Recht, bei einem Tod
alles fortzunehmen, leugnen:
es widerspricht nicht nur dem göttlichen Gebot,
Witwen, Waisen zu enteignen.
Wer sucht denn schon den Tod? Wer stirbt, der stirbt nicht gern,
und er wird den Seinen fehlen;
die Not ist groß genug! Es ziemt sich nicht den Herrn,
die Familie zu bestehlen!

Zum zwölften glauben wir zu folgen Gottes Wort;
wo sich etwas andres findet,
dort streichen wir sogleich ganz den Artikel fort,
wenn ihr’s mit der Schrift begründet!
So lasst gemeinsam uns in Gottes Liebe ruhn,
suchet mit uns sein Erbarmen,
auf dass wir alles stets nach seinem Willen tun.
Gott sei mit euch allen. Amen.


Moderato

Ihr Bauern, leider ist es wahr:
ihr seid sehr hart beschwert
durch eure Herrschaft, die sich hat
von Gottes Wort gekehrt.

So viele Fürsten tummeln sich
in Satans Sündenpfuhl,
dass ich, der Doktor Luther, weiß:
bald stößt sie Gott vom Stuhl!

Seid um so mehr in eurer Sach
vor Satan auf der Hut,
dass ihr nicht mehr als recht verlangt
und niemand unrecht tut.

Als erstes fordert ihr, dass man
den Pfarrer selbst erwählt
und selber absetzt; das ist recht,
seid ihr vom Geist beseelt.

Und wollen ihn die Herren nicht,
so sei es euch erlaubt,
für ihn zu sorgen, dass ihr nicht
die Obrigkeit beraubt.

Als zweites fordert ihr, dass man
den Zehnten fernerhin
dem Pfarrer und den Armen gibt;
was macht denn das für Sinn?

Der Zehnt gehört der Obrigkeit,
so wie Matthäus schrieb;
wer das bezweifelt ist ein Tor,
ein Räuber und ein Dieb!

Als drittes wollt ihr auch nicht mehr
leibeigen sein den Herrn,
denn Christus habe euch befreit?
Nichts läge je so fern!

Wer glaubt, dass ihm sein Leib gehört,
bestiehlt der Herren Recht:
ein weltlich Reich kann nicht bestehn,
gibt’s keinen Herrn und Knecht!

Die nächsten acht Artikel sind
von weltlicher Natur,
und es verstehen sich darauf
die Rechtsgelehrten nur.

Zuletzt wollt alles streichen ihr,
was nicht der Schrift entsprach;
nun kennt ihr Gottes Willen wohl -
so richtet euch danach!

Nun, liebe Bauern, liebe Herrn,
lenkt euren Blick nach vorn:
nichts christliches ist’s zwischen euch
als einzig Gottes Zorn.

Um weltlich und um heidnisch Recht
geht dieser harte Streit.
Legt ihn alsbald in Frieden bei;
Gott steht auf keiner Seit!


Allegro con moto

Ihr edlen Herren mit den vollen Mägen,
man hat euch nicht vergessen;
wir kommen hoffentlich nicht ungelegen
und stören nicht beim Fressen!

Ihr eitlen Herrn, spitzt eure tauben Ohren
und höret unsre Schemen:
die Bauern stehen jetzt vor euren Toren,
Gerechtigkeit zu nehmen!

Mir selber, Thomas Müntzer mit dem Hammer,
hat Gott das Schwert gesendet,
zu enden dieser Menschen großen Jammer,
die ihr so schimpflich schändet.

Und haben auch die Bauern schon entrechtet
die meisten eurer Väter,
ihr habt noch mehr gefoltert und geknechtet
als solche Übeltäter,

Lasst ihren Lohn in eure Kassen fließen
allein durch eure Stärke,
dass ja die armen Bauern nicht genießen
die Früchte ihrer Werke.

Und noch ein Zehnt und eine Fron! Wie kläglich
speist ihr sie mit den Resten;
der Bauer schafft nicht zwanzig Stunden täglich,
um euren Wanst zu mästen!

In eurer Scheune ist sein Brot verdorben:
ihr habt sein Recht und Hoffen
und, was der Bauer mühsam hat erworben,
verfressen und versoffen!

Wie süß schmeckt doch der Fleiß der Handwerksleute,
wie hat er euch gefallen;
doch drängt er sich zurück nach oben heute
und wird zu bittern Gallen.

Jetzt wird das Volk die Herrschaft sich erstreben
und Gott mit ihm regieren;
vorbei ist nun das sanfte faule Leben,
die fürstlichen Manieren,

Vorbei die Zeit der Kuchen und der Kräpfel,
die uns so lange fehlten;
oho! wie reif sind doch die faulen Äpfel,
wie mürbe die Erwählten!

Sie können ihren heißen Durst nicht stillen,
von Gottes Wort zu wissen,
dieweil sie um der bittren Nahrung willen
sein Wort verleugnen müssen.

Die Kirche war einst Jungfrau und Noblesse
auf der Apostel Spuren;
die Schüler machten bald sie zur Mätresse
und eines Römers Huren.

Sie haben stets gemehrt die Gier der Schinder
und Gottes Wort verboten,
sie taufen gar die ahnungslosen Kinder
und handeln mit den Toten!

Sie haben dicke Bücher vollgeschmieret,
in denen sie uns lehren,
der alte Prunztopf, der zu Rom regieret,
sei mehr als Gott zu ehren!

Wir werden richten, die den Herrn entehrten,
und seinen Tempel säubern
von Mördern und von falschen Schriftgelehrten,
von Händlern und von Räubern,

Die Bilder in den Kirchen niederreißen,
die teufelsfratzig lachen,
wie Gott im anderen Gebot geheißen:
du sollst kein Bild dir machen!

Vor wie viel Götzenbildern knien heute
die Mönchlein und die Nönnlein:
sie machen Christus zum Gespött der Leute
und zum gemalten Männlein!

Des Papstes hurenhengstisch Pfaffen rauben
die Seligkeit den Frommen
und haben von dem reinen Christusglauben
den Schlüssel weggenommen.

Die irren hodensäckischen Doctores
vergnügen sich in Sünden;
die lehren Gottes Volk des Satans Mores
und leben von den Pfründen.

Die Gottes Häuser so zum Jahrmarkt machen,
die sind mit euch verschwestert:
gemeinsam habt ihr ausgenutzt die Schwachen,
Gott und sein Volk gelästert!

Zu lange habt ihr fremden Lohn genossen:
Gerechtigkeit zu schaffen,
hat nun das Volk den Ewgen Bund geschlossen
und greift zu seinen Waffen.

Der letzte Bissen wird euch bald im Munde,
im Halse stecken bleiben,
und schließt ihr euch nicht an dem Gottesbunde,
so wird man euch vertreiben!

Es kann den Zorn des Herren niemand dämpfen,
kein Heer, kein Vaterunser,
und wer in Gottes Bund nicht möchte kämpfen,
ist Gottes Feind und unser!

Wie Daniel sprach: Gott wird vom Thron euch stoßen,
Gewalt und Macht auf Erden
wird nun anstatt den lästerlichen Großen
dem Volk gegeben werden!

Ihr habt ein böses teuflisches Gewissen
und führt ein gottlos Leben;
Gott hat das Schwert nun eurer Hand entrissen
und seinem Volk gegeben.

Verstockt das Herz wie das des Pharaonen,
so stur und hartgesotten,
gebietet Gott, solch Fürsten nicht zu schonen
und völlig auszurotten!

Das Schwert zu nehmen hat mir Gott befohlen,
doch wollt ihr zu uns eilen,
so wollen wir, was ihr von uns gestohlen,
auch christlich mit euch teilen.

Als Brüder unserm Bunde beizutreten,
das wollen wir euch raten,
so werden wir für eure Seele beten,
vergeben eure Taten.

Doch fahrt ihr fort, mit höhnischem Geläster
noch gegen uns zu wettern,
befiehlt uns Gott, dass wir all eure Nester
zerreißen und zerschmettern!


Agitato

Den Menschen heutzutage scheint
der eigne Stand nichts wert:
der Ochs verlangt des Sattels Last,
und pflügen will das Pferd.

Es hat der Fürst ein schweres Amt,
viel Sorge und viel Leid,
dieweil der Bauer fröhlich lebt
und schnarcht in Sicherheit.

Ich wollt, ich wär ein Bäuerlein:
ich könnte allzeit ruhn,
der Weizen wüchse ganz von selbst,
ich bräuchte nichts zu tun.

Ich habe in der letzten Schrift
die Bauern nicht verdammt,
dieweil sie unterstellten sich
der Bibel allesamt.

Doch ihre zwölf Artikel sind
nur eitel Lügenwerk:
sie halten mit der Niedertracht
nun nicht mehr hinterm Berg!

Wie tolle Hunde wüten sie
und rauben ohne Not,
und sie verdienen alle sich
den hundertfachen Tod!

Zum einen schworen sie den Herrn
Gehorsam, Treu und Huld;
jetzt haben sie sich abgewandt
und tragen tiefe Schuld.

Zum andern haben sie manch Schloss
und Kloster schon zerstört,
sie plündern, und sie rauben auch,
was ihnen nicht gehört.

Zum dritten nehmen sie dabei
die Bibel in den Mund
und zwingen Unbescholtne gar
in ihren Teufelsbund!

Sie wenden die Genesis vor,
weil dort geschrieben sei,
Gott schuf die Dinge allgemein,
und alles wäre frei!

Wohl waren alle Dinge frei
im Alten Testament,
doch zeigt, wer darauf sich beruft,
dass er die Schrift nicht kennt!

Hat Christus denn nicht frei gemacht
die Seele von der Welt
und Leib und Gut des Christen selbst
dem Fürsten unterstellt?

Welch feine Christen! Sehn sie doch
den eignen Nutzen nur.
Die Höll ist leer, weil jeder Geist
in einen Bauern fuhr!

Ihr schlimmster Teufel aber ist,
der alle Welt verführt,
der Erzesteufel Müntzer, der
zu Mühlhausen regiert!

Als Wolf im Schafskleid lauert er,
wer in die Falle geht:
so wurde der gelehrte Mann
beschissener Prophet!

Als Priester seines Beelzebubs
verdreht er Gottes Wort,
und dieses hohlen Baumes Frucht
ist Aufruhr und ist Mord!

Er lehrt, dass man auf Gottes Stimm
und Träume hören soll,
als wäre er, den Gott verwarf,
zehn Heilger Geister voll!

Ich höre nichts, ich träume nichts
und bin doch Gottes Stift:
Gott redet nicht durch Traum und Geist,
er redet durch die Schrift!

Er lehrt zu stürzen jedes Bild
in seinem großen Wahn,
so wie es mit den Götzen einst
der Jude hat getan.

Der Bilderdienst, er widerspricht
zwar Gottes reiner Lehr,
doch wo die Herzen man gewinnt,
ist bald kein Bildnis mehr.

Er lehrt gar, dass der Bauer sich
der Obrigkeit erwehrt,
weil, wie er glaubt, der Fürst zuviel
von seinen Früchten zehrt.

Er würde sich, läs er die Schrift,
ersparen solch Geplärr:
auch Christ stand vor Pilatus einst
und sprach: Du bist mein Herr!

Sein Reich ist nicht von dieser Welt;
der Christ - wie ich und du -
muss dulden, denn wo Faustrecht gilt,
geht’s mit dem Teufel zu.

Drum will Gott, dass die Obrigkeit
mit Macht dazwischenschlägt,
solang in ihren Armen sich
noch eine Ader regt!

Die Obrigkeit hat selber zwar
den lieben Gott entehrt,
doch gegen Aufruhr, Raub und Mord
befiehlt ihr Gott das Schwert!

Drum sprech der Fürst: Gott hat mich selbst
zur Obrigkeit gesetzt,
und jeder Mensch verdient den Tod,
der sein Gebot verletzt!

So kommt es, dass ein jeder Herr,
der in dem Kampfe stirbt,
weil er auf Gottes Seite stand,
den Himmel sich erwirbt.

So kommt’s auch, dass ein Bauer, der
ein Herr zu sein begehrt,
sich dadurch Leib und Seel verwirkt
und in die Hölle fährt.

Doch gnädig sei die Obrigkeit
den Frommen im Gericht:
mit Aufruhr, Raub und Mord begnügt
der Pöbel sich ja nicht,

Ist nicht zufrieden, durch sein Werk
des Teufels Glied zu sein -
sie zwingen auch manch edlen Mann
in ihren Bund hinein!

Drum löst, errettet, helfet nur
dem armem frommen Mann;
die Bauern steche, schlag und würg
ein jeder, der da kann!

Es töte jeder gute Christ
die wilden Bauern gern;
es wird, wer dabei selber stirbt,
zum Märtyrer des Herrn!

Nun sage jeder fromme Christ
sein Amen zum Gebet,
denn Gott ist allem Aufruhr feind
und hört auf den, der fleht!


Trionfante

Das ist der Luther, den die Fürsten preisen,
der deinetwegen auf der Wartburg saß,
der an der Tafel Friederichs des Weisen
das Reformieren voll und ganz vergaß
und nun versucht, die Frommen abzuspeisen,
von deren Elend er ein wenig las;
denn wer sich hat vom Papsttum abgespalten,
muss um so treuer zu den Fürsten halten.

Der Mensch soll frei allein im Glauben werden,
und aller Glaube sei dem seinen gleich;
nur wer die Hölle schafft und trägt auf Erden,
erwirbt im Tode sich das Himmelreich -
so lehrt Herr Luther lieben die Beschwerden
und dulden seiner Fürsten bösen Streich.
Hätt man ihn selbst zum Papste einst erkoren,
dann wehe! wehe! den Reformatoren!


Allegro con brio

Wie windet Doktor Lügner sich in Krämpfen,
die Frommen zu betören:
der Teufel will das Gotteswort bekämpfen
und nichts vom Geiste hören.

Im Traume Gottes Willen zu ergründen
sei gegen die Erfahrung:
ja, wer den Heilgen Geist im Buch will finden,
hat keine Offenbarung!

Auf tote Lettern kann der Herr verzichten
im Aug des Gottesmannes:
er zeigte sich in Stimmen und Gesichten
von Adam bis Johannes.

Der Madensack glaubt doch die Schrift zu kennen:
wie kann er sich erfrechen,
zu sagen - ohne seine Quell zu nennen -,
Gott könne nicht mehr sprechen?

Den Vater Leisetritt mit seinen Laffen
lasst nur sein Süpplein kochen;
Gott hat noch nie durch schriftgelehrte Affen,
durch Mönch und Pfaff gesprochen.

Der Bruder Sanftes Leben bete weiter
zu seinem stummen Gotte;
drum lasst nur zu, ihr lieben Gottesstreiter,
dass Jungfrau Martin spotte.

Die keusche Frau aus Babylon lässt ihren
papiernen Papst beschwören,
von schriftgelehrten Freiern sich flankieren;
der Bauer soll es hören!

Er kann recht artig seinen Namen sagen,
so wie ein kluger Rabe:
Ich bin der Martin, wollt ihr’s mit mir wagen?
Bewundert meine Gabe!

Vom Brüllen heiser ist schon seine Kehle:
den Teller sich zu füllen,
verkaufte Bruder Mastschwein Geist und Seele
um einer Suppe willen.

Das Reformieren macht er überflüssig,
der mit Gerechten rangelt,
weil, was an Fürstenfurcht ihm überschüssig,
an Gottesfurcht ihm mangelt.

Er kann vor Fett nicht halb so tief sich beugen
wie jener Tisch des Fürsten,
an dem er Gottes Liebe mag bezeugen
bei Käse, Wein und Würsten.

Er hat im Schoß des süßen Jesuleinchen
den bittern Christ vergessen,
doch eines Tags hat sich das kleine Schweinchen
am Honig totgefressen.

Wohl kann er gegen Pfaff und Bauern schreiben
- sie können sich nicht wehren -,
doch unsre Fürsten und ihr gottlos Treiben
hält Leisetritt in Ehren.

Vergeblich wird der Fettsack sich befleißen,
wenn er die Bauern richtet,
das Volk mit seiner Logik zu bescheißen,
im Hühnerstall erdichtet:

Der Bauer soll geduldig stillehalten,
was ihm auch widerführe,
sich freundlich sterbend beugen den Gewalten,
wie Christen es gebühre.

Doch die Tyrannen auf dem hohen Wagen,
die sollen ohne Bange
die Hungerleider rücksichtslos erschlagen,
wie Christus es verlange!

So lässt der Doktor Ludibrii schießen -
er ist des Fürsten Heerhold,
will Dank verdienen durch das Blutvergießen:
er ist des Fürsten Heer hold!

Wer so um Mord und Totschlag hat gebeten,
wird Gott bei sich nicht leiden:
eh dieser wird das Paradies betreten
sind’s Türken, Juden, Heiden!

Der Wittenberger Papst ist schlecht beraten
und kniet zu Friedrichs Füßen;
der seine Väter treulos hat verraten,
wird ewig dafür büßen!

So spüren nun die Bauern ohn Erbarmen
das Schwert anstatt der Rute,
und dazu sagt der Doktor Lügner: Amen!
und lechzt nach ihrem Blute.

Der hodensäckische Doktor verrecke,
er wird hier nichts beschicken:
an Luthergrütze und am Martinsdrecke
wird mancher noch ersticken!


Vivace

Hier stehn sie nun, die letzte Schlacht zu schlagen,
sich zu erringen Freiheit oder Tod,
doch ist es fraglich, ob sie’s wirklich wagen,
vom Fürstenheer belagert und bedroht;
so mancher Bauer will schon fast verzagen
und überdenkt der Fürsten Angebot,
den Bauern allen gnädig zu vergeben
im Austausch gegen Thomas Müntzers Leben.

Die Schlacht der Schlachten muss geschlagen werden,
denn unbesiegbar ist der Bauern Wut -
begründet sind der armen Leut Beschwerden,
begründet ist ihr Durst nach Fürstenblut;
sie brauchen keinen Frieden vorgelogen,
sie brauchen nichts als nur ein Fünkchen Mut!

Ihr Bundeszeichen ist der Regenbogen,
der einmal schon bestärkte sie im Krieg,
als gegen ihren Feind sie ausgezogen,
und sie errangen den verdienten Sieg!
So helfe Thomas Müntzer und den Seinen,
der siegessicher auf den Schlachtberg stieg,
der Bauern größte Heere zu vereinen,
mit deren Kraft man manchen Fürsten schlug,
und lass den Regenbogen ihm erscheinen!

Der Regenbogen ist doch Gottes Zeichen:
nachdem er so viel Menschen umgebracht,
ließ er sich einmal noch das Herz erweichen
und hat im Bund der Menschheit neu gedacht.
Der Regenbogen ist doch Gottes Zeichen,
und über diesen hab ich keine Macht;
ich könnte höchstens den verzagten Massen
den Halo um die Sonne scheinen lassen.

So nimm den Halo! Der ist gut genug;
es wird der Bauern Furcht sofort verfliegen,
und jeder wird sich drängen in dem Zug,
die unbarmherzgen Herren zu bekriegen.
Auf ihrer Seute kämpft das Recht, der Hass,
und wenn sie die Tyrannen erst besiegen,
so scheint die Sonne ohne Unterlass!


Allegro con fuoco

Wie lange wollt ihr Brüder denn noch zagen?
Was schlottern euch die Beine?
Nur dran! Nur dran! Und fröhlich dreingeschlagen:
wir kämpfen nicht alleine!

Noch immer fürchtet ihr die hohen Herren,
die euch zu Grunde richten,
doch wollt ihr ihren Karren nicht mehr zerren,
so müsst ihr sie vernichten!

Das machen doch die hohen Herren selber,
dass wir uns müssen wehren:
wir sind nicht mehr die Lämmer und die Kälber,
sind Löwen und sind Bären!

Wir blieben friedlich bis zu dieser Stunde -
jetzt ist es Zeit zu handeln!
Wir luden sie doch ein zu unserm Bunde;
sie wollten sich nicht wandeln.

Man kann dem Herrn nicht und den Herren dienen,
da beide sich bekriegen;
wer zu den Fürsten hält und kämpft mit ihnen,
der muss auch Gott besiegen!

Und würde Barbarossa gar zum Streite
aus dem Kyffhäuser gehen:
Gott selber kämpft voll Zorn an unsrer Seite -
wer mag uns widerstehen?

Nur dran! Nur dran! Es hat der Herr gerichtet!
Lasst keinen Feind am Leben!
Auch Gideon hat Tausende vernichtet -
sein Schwert ist uns gegeben!

Habt ihr Hesekiels Bild denn schon vergessen
von Magogs wüstem Haufen? -
Das Fleisch der Fürsten werden Vögel fressen,
ihr Blut die Tiere saufen!

Wie Jesus spricht zu Jüngern und Gemeinde:
Wer für mein Reich will taugen,
der nehme und erwürge meine Feinde
vor meinen eignen Augen!

Wer freudig kämpft für Gottes Wort hinieden,
dem lass ich es gelingen:
ich komme nicht, um dieser Welt den Frieden,
doch um das Schwert zu bringen!

So lasst es den Tyrannen nicht mehr glücken,
euch weiter einzuschüchtern.
Sie werden euch nun nicht mehr unterdrücken:
seid wachsam und seid nüchtern!

Nur dran! Nur dran! Lasst euren Mut nicht trüben,
bedenkt vor allen Dingen:
beschissene Barmherzigkeit zu üben,
kann nur den Tod euch bringen!

Und wenn sie wie die kleinen Kinder flennen
und schwören stillzuhalten,
so werden sie euch später doch verbrennen,
und alles bleibt beim Alten!

Wie Saat des Unkrauts sind der Fürsten Worte;
sie schmeicheln, wenn sie dräuen.
Wer würde wohl den Samen solcher Sorte
sich auf den Acker streuen?

So glaubt auch nicht den frommen Bettelworten,
die mancher Fürst erlernte,
und schreit das Unkraut auch an allen Orten,
noch sei nicht Zeit zur Ernte!

Nur dran! Nur dran! Und wollt ihr nicht auf Erden
um Gottes willen leiden,
so müsst des Teufels Märtyrer ihr werden,
von Gottes Volk euch scheiden!

Bedenkt auch: wir sind hier, für Gott zu streiten,
und nicht, um hier zu plündern;
der Herr wird bis in alle Ewigkeiten
sich rächen an den Sündern!

Seht auf! Ein Regenbogen ist erschienen:
Gott steht mit uns im Bunde!
So lasst uns eifrig mit dem Schwert ihm dienen
in dieser Schicksalsstunde!

Dort kommt auch schon der Fürsten Heer gezogen:
sie haben Wort gebrochen
und mit der Waffenruhe uns belogen,
die wir doch abgesprochen!

Nur dran! Nur dran! Gott steht auf unsrer Seite,
die Freiheit zu erringen!
Nur dran! Nur dran! Und lasst uns in dem Streite
ein Lied dem Herren singen:

Komm zu uns, Schöpfer, Heilger Geist, hernieder,
erfülle unsre Herzen,
erleuchte deine arme Herde wieder,
die zu dir seufzt mit Schmerzen.

Du bist ein wahrer Tröster wohl zu nennen
und stärkst den, der bescheiden;
so lehr uns deinen Christus recht erkennen
und so wie Christus leiden!

Vertilge unsrer Seele arge Feinde
ohn Milde und Erbarmen,
gib Mut und Kraft der zagenden Gemeinde,
dein Kreuz zu tragen. Amen!


Adagio

Dort thront der Kopf des Priesters und Propheten,
auf einen Pfahl am Schadeberg gesteckt;
er konnte auf der Flucht ein Haus betreten,
doch wurde er von einem Gast entdeckt.
Er musste scheitern mit den Kraftpaketen,
die schon die Angst vor Strafe lähmt und schreckt;
nur sechs vom Fürstenheer sind zu beklagen,
die Bauern wurden allesamt erschlagen!

Mag sein, die Zeit ist noch nicht reif gewesen:
die Bauern hatten Furcht vor ihrem Ziel
und sind noch nicht vom Sklaventum genesen.
Zwar machte diesmal noch der Fürst das Spiel
und konnte seine Untertanen zähmen,
da ihm der Sieg ja fast vom Himmel fiel;
doch einmal wird der Deutsche sich bequemen,
wird sich erheben gegen seine Herrn
und sich die Freiheit, die ersehnte, nehmen!

Nach Freiheit wird der Deutsche niemals streben,
da diese die Verantwortung gebiert.
Nur einmal wird dies Land in Freiheit leben,
und zwar nach einem Krieg, den es verliert:
die Freiheit wird, nachdem man sich ergeben,
vom Sieger dem Besiegten aufdiktiert.
Dann wird verächtlich und mit bösem Grimmen
der Deutsche sich in Freiheit selbst bestimmen.

Doch ewig wird er in dem Herzen hegen
den Groll, dass seinen Herren er verlor,
und sich auf einen andern zubewegen,
der tausend Jahre Tod der Freiheit schwor,
Europa ganz in Schutt und Asche legen
und morden so wie kaum ein Volk zuvor:
er wird mit den barbarischsten Verbrechen
sich für die aufgezwungne Freiheit rächen!

Ich wollte ohnehin nicht gar so gern
im Gottesstaate Thomas Müntzers leben;
die irdschen Freuden wären mir zu fern.
Ich hätte manches Laster aufzugeben,
ich müsste Sonntags in der Kirche sein,
ich müsste ständig fürchten um mein Leben
bei einem jeden kleinen Stelldichein;
die Zeugung ohne Liebe zu betreiben
und den Fanatikern sich einzureihn,
kann man als Freiheit schwerlich noch beschreiben,
bereitet man dem Freien doch Verdruss:
so frei zu sein, dass andere es bleiben,
das ist allein der Freiheit letzter Schluss!


Variation

Da die hohen Fürsten mich beordern
nach dem ausgekämpften Bauernkrieg,
um von mir ein Siegesmal zu fordern,
eine hübsch Viktoria für den Sieg,
will ich, Albrecht Dürer, mich befassen
und ein angemessnes Ehrenmal
jenen werten Herrn errichten lassen,
denen unser Gott den Sieg befahl!
Legt auf eine reichlich große Platte
einen etwas kleinern Quaderstein,
ringsherum das, was der Bauer hatte:
viele Kühe, Schafe und auch Schwein’.
Einen weitern Stein legt dann auf diesen,
etwas kleiner wiederum gebaut,
und darum vier Körbe mit Gemüsen,
Käse, Butter, Eiern, Zwiebeln, Kraut.
Einen Haberkasten stellt darüber,
darauf einen Kessel, kopfunt bloß,
einen hübschen Käsnapf obendrüber,
darauf einen Teller, möglichst groß,
dass er an den Seiten überrage,
darauf setzt ein großes Butterfass,
welches wieder einen Milchkrug trage:
dieser Milchkrug halte alles, was
solch ein Bauer braucht, um sich zu placken -
Mistfork, Gabel, Flegel, Schaufeln, Haun,
andres Werkzeug, Rechen, Stock und Hacken,
drauf sollt ihr ein Hühnerkörbchen baun.
Ganz zuoberst setzt ihr einen Bauern
auf den Schmalztopf, welcher ausgezehrt,
seinen Kopf gestützt in tiefem Trauern,
und sein Leib durchbohrt von eurem Schwert.


9. Animato

Heut will ich ins Elysium verreisen,
der Selgen Insel, die im Westen liegt,
dem Grünen Eiland, das die Griechen preisen,
wo Hunger, Arbeit, Leid und Tod besiegt!
Den Mantel, schnell - ich kann es kaum erwarten,
dass er uns hin ins Land des Kronos fliegt!

Das ist vorbei! Die Lieder sind verklungen,
die Leiden feiern ihre Wiederkehr.
Not, Tod und Arbeit sind dort eingedrungen,
und Selge gibt es lange schon nicht mehr;
von einer fremden starken Macht bezwungen,
vor einem unerbittlich harten Heer,
hat Irland seine Freiheit aufgegeben,
und lebenslanges Sterben ist das Leben.

Der Graf von Kildare hat ein Positiönchen,
das früher manche Besserung gebracht,
doch schrieben seine Feinde Denunziönchen,
die man in England keineswegs belacht;
er hat in weiser Vorsicht schon sein Söhnchen
zu seinem Stellvertreter sich gemacht.
Dann rief man ihn zu Heinerich dem Achten;
nun wird im Turm zu London er verschmachten.

Was sucht denn England in der Götter Garten,
was wütet Heinrich denn im Paradies?
Soll denn zum zweiten England jetzt entarten
der Platz, an den man Hellas’ Helden wies?
Der König soll bezahlen seine Schulden
und seine Büttel enden im Verlies;
wie könnt ich dulden, dass die Iren dulden?


Agitato

Wie soll ich meines Vaters Land verwalten,
weiß ich doch nicht, was mit ihm ist geschehn.
Wird König Heinrich ihn nur da behalten,
bis dort die Richter seine Unschuld sehn?
Wird ohne Schuld er zum Schafotte gehn,
dem Vaterland sein Leben hinzugeben,
und man die Kildares ihrer Macht entheben?

Lord Offaly, ich möchte Euch nicht stören;
ich komm soeben aus des Königs Stadt,
und sicher interessiert es Euch zu hören,
was sich in London zugetragen hat.
Wie sehr ist Euer Schicksal zu beklagen -
ich sah den Vater, abgespannt und matt:
man hat das Haupt dem Grafen abgeschlagen,
und Heinrich sah das Schauspiel voller Lust!
Ihr solltet seinen Tod zu rächen wagen,
brennt doch sein Feuer auch in Eurer Brust;
der letzte Sieg wird immer dem bereitet,
der sich der guten Sache ist bewusst
und mit dem Recht auf seiner Seite streitet!

Nun hat es der Tyrann zu weit getrieben!
Er nahm uns aus, er schlug uns ins Gesicht,
und viele Jahre sind wir stumm geblieben;
doch heute werden wir ihm zum Gericht,
die Rache und die Freiheit unsre Pflicht!
Nicht länger bin ich Heinrichs Stellvertreter:
ich bin der Rächer aller unsrer Väter!


Rallentando

So hast du diesem Lord den Sarg gezimmert
durch deine unbedachte Lügenmär,
in dem zwar noch ein Hoffnungsfünkchen flimmert,
doch auch Maynooth hat keine starke Wehr.
Der Iren Lage hast du noch verschlimmert:
jetzt lagert allerorten Heinrichs Heer.
Nach der Revolte, die du angezettelt,
wird auf den Knien um Gnade nun gebettelt.

Zwar klagt der Lord, dem Papsttum treu verpflichtet,
dass Heinrich auch als Feind der Kirche kam,
doch wird er durch des Klerus Schrift vernichtet -
da stirbt der Graf im Turm vor lauter Gram.
Dann stellt der Lord sich und wird hingerichtet,
weil er das Schwert in seine Hände nahm,
und Heinrich wird den Iren gar die Riten,
den Glauben, Sprache und Kultur verbieten!

Mag sein, dass man sich dieses Mal ergeben;
zwar ist misslungen dieser eine Streich,
doch eines Tags wird Irland sich erheben
und sich befrein aus der Tyrannen Reich.
Man wird aus den begangnen Fehlern lernen
und einem eitrigen Geschwüre gleich
die fremde Macht aus seinem Land entfernen!


10. Allegro ma non troppo

Mir träumte heute Nacht, dass diese Erde
die Bosheit und die Religion verlor,
mit würdiger pathetischer Gebärde
zu höhern Sphären stieg der Geist empor.
Zu Herrn der Weisheit wurden alle Knechte,
zu ihrem Knechte, wer ein Herr zuvor.
Ich glaube fast, das ist genau das Rechte,
so wird die Zukunft sein in jedem Land;
wenn nur der Mensch es endlich so weit brächte,
im Geist zu streiten statt mit böser Hand,
wenn er sich bilden würde statt zu kämpfen
und hätt statt Waffen Seele und Verstand.

Wann hörst du auf, die Freiheit zu erträumen,
die nicht den Durst der Knechtesgeister stillt,
dich gegen Unterdrückung aufzubäumen
der Menschen, die zur Folgschaft sind gewillt,
und Dumme mit der Weisheit aufzuzäumen?
Es wird die Menschheit nie dein Ebenbild,
und immer werden sich der Welt Gewalten
an die Gebote Machiavellis halten.

Mein eignes Land will ich dir heute zeigen -
von dort regier ich bald schon diese Welt,
dort wird so mancher Staat sich vor mir neigen,
auch wenn’s den Unterworfnen nicht gefällt.
Dort mache ich die Weltmacht mir zu Eigen,
und wehe dem, der meinen Weg verstellt!
Dies Land war früher Gottes eignes Land,
bis Christoph meinen Weg nach drüben fand.

So mancher Midas wird ums Gold sich reißen,
doch fließt kein Paktalos in seinen Gaun,
die Armut wird erfolgreich sich befleißen,
und niemand wird dem anderen vertraun:
voll Habgier wird den Nächsten man beschaun
und dieses Land zu meinem Tempel baun,
zur Freien Welt, denn bald ist sie befreit
von jeglicher Kultur und Menschlichkeit.

Wer heut dort lebt, wird schnellstens ausgerottet,
wer überlebt, ist ewig vogelfrei,
der Sklave wird als Untermensch verspottet,
auch nach dem Ende aller Sklaverei.
Nur wer als Weißer mit der Masse trottet,
hat ein paar Rechte, hat er Geld dabei.
Den Mantel, rasch! Zum Himmel hin, dem blauen:
du sollst sofort mein künftges Weltreich schauen!

Wohlan! Verstehst recht gut, den Mut zu dämpfen;
nun denn, jetzt will ich es auch selber sehn!
Und windet sich die Seele auch in Krämpfen,
ich kann nicht ändern, was noch wird geschehn.
Bizarres Bild! Aus Stein ein Ameishaufen,
welch Quaderfelsen seh ich vor mir stehn?

Ein Wohnfels ist’s, von dem auch mache springen,
wo Tausende von Menschen eingezwängt
den Abend und die Nacht verbringen,
bis sie’s zum Arbeisfels am Morgen drängt,
wo sie dann werkeln an den vielen Dingen,
von denen ab der Sinn des Lebens hängt.
So stumpf und sinnlos ist es, was sie machen:
ihr Lebensinhalt sind nur solche Sachen.

So strömen nun von Fels zu Fels die Scharen,
Termiten ähnelnd, die nicht gerne ruhn,
um blöd in allen ihren Lebensjahren
das gleiche stets tagaus, tagein zu tun,
in pferdelosen Kutschen auszufahren
und Fernes anzusehn in kleinen Truhn.
Man hat der Dumpfheit Namen auch gegeben -
ihr ödes Dasein nennt sich: Arbeitsleben.

Auch wollen manche auf dem Schlachtfeld liegen
für Gott und Vaterland nach scharfem Drill;
sie werden manches andre Land bekriegen,
das nicht nach ihrer Weise leben will.
Es wird kein Volk sie jemals echt besiegen,
darum hält alle Welt vor ihnen still,
und sie diktieren ihnen nicht vergebens
die freie Knechtschaft, ihren Weg des Lebens.

Ihr höchstes Ziel ist: über allen stehen,
das meiste anzusammeln mit Gewalt,
und muss man dafür über Leichen gehen,
ist’s nicht zu ändern, und dann geht man halt.
Sie mühen sich, ihr Tagwerk zu versehen:
wo Hände schwitzen, bleibt der Brägen kalt.
Der Geist, den mächtig du empor willst schwingen,
hat Platz gemacht den wichtigeren Dingen.

Wie emsig alle durch die Gegend laufen,
und nicht zur Linken noch nach rechts geblickt
! Als könne man die Freiheit sich erkaufen,
wenn man nur mit der Masse jauchzt und nickt.
Nach menschlichem und geistigem Ermessen
ist dieses Volk zur Freiheit nicht geschickt;
von Bosheit, falscher Religion besessen,
bekämpft man alles, was von andrer Art.
Jetzt lass die düstre Zukunft mich vergessen:
ich sehn mich nach der trüben Gegenwart!


Vivace

Wie ratlos steht vor den Naturgewalten
der kleine Mensch, vor seiner Schöpfung Born;
hab Haare, Hymen, Heere gar gespalten,
erlangte Satans Gunst und Gottes Zorn
und bleibe voller Ehrfurcht sprachlos stehen
vor einem unscheinbaren Samenkorn.
Zwar kann man seine große Kraft nicht sehen,
die in der zarten Schale sich versteckt,
doch ist der Same reif, um aufzugehen,
wenn Licht und Wasser diese Kräfte weckt.
Wie kann er nur die eigne Hülle sprengen
und wie die Erde, die ihn zugedeckt?

Das Leben wird zwar überall gefunden,
ganz gleich wohin wir auf der Erde gehn,
doch die Beschaffenheit auch zu erkunden,
gelang noch keinem: heut sollst du sie sehn!
So lass uns mit dem Mantel ein paar Runden
in diesem kleinen Samenkörnchen drehn:
du wirst am schnellsten zur Erkenntnis dringen,
erkennst du große in den kleinen Dingen!

Du willst uns in das Samenkörnchen zwängen?
Du willst doch nicht - da geht es auch schon los!
Erdhäufchen werden nun zu steilen Hängen,
bald sind die kleinen Gräser baumesgroß;
so pass doch auf! Ich fürchte ungelogen,
dass ich mich gleich am Gänseblümchen stoß!
Um Gottes willen, schlage einen Bogen!
Ist dieses Riesenmonster wieder fort? -
Fast wären wir dem Floh ins Maul geflogen!
Zu Hilfe! Hilfe! Glaube meinem Wort:
die Mücken werden beide uns erstechen!
Da steht das Körnchen; sind wir erstmal dort,
so hältst du an - das musst du mir versprechen.
Bist du verrückt? Wir knallen an die Wand!
Wir können diese Mauer nicht durchbrechen!

Und immer näher, größer! Wie gebannt
erwarte ich das Ende unumwunden,
doch plötzlich löst sich wie von Geisterhand
die Mauer auf und ist bald ganz verschwunden;
nur ihre Steine schweben durch den Raum,
und scheinbar ziellos drehn sie ihre Runden,
doch nicht wie Steine - nein, ich glaub es kaum:
sie ziehen ihre Bahnen so wie Sterne,
und ich durchstreif das Weltall wie im Traum
. Kometennebel seh ich in der Ferne
und große Sonnen hier und überall;
dass ich den Kosmos nun im Saatgut lerne!
Zwar kann man sehen, dass in manchem Fall
die imposanten Sonnen auch vergehen
in einem kolossalen Feuerball,
doch sind’s noch mehr, die dafür neu entstehen
und die es immer zu den Rändern lenkt,
da alle voneinander fort sich drehen,
als würden sie im Zentrum eingeschränkt.
Und damit ist die Frage abgehandelt:
das Leben ist, was neue Grenzen sprengt,
das Leben ist, was immerfort sich wandelt!


12. Ardente

Die schönste Frau, die je auf Erden lebte,
wird heute Nacht mit mir vereinigt sein -
wonach mein Herz und Sinnen immer strebte,
die Edelste der Edlen werde mein!
Mephisto, heute sollst du mich verwöhnen
und mich von meiner Einsamkeit befrein;
mein Dasein auf der Erde nun zu krönen
durch meines Lebens höchsten Lustgewinn,
beschwöre mir die Schönste aller Schönen!

Schon lange habe ich darauf gewartet,
dass du begehrst die schönste Frau der Welt,
die mit die in ein neues Leben startet -
ich bin schon lange darauf eingestellt.
Sie alle sind besonders hübsch geartet;
ich ahne, wer am besten dir gefällt.
Die Namen brauche ich dir nicht zu nennen:
du wirst sie selber sicherlich erkennen.

Das ist Draupadi, Pandu-Königin,
wohl eine der bezauberndsten Gestalten,
doch steht mir nicht nach einer Frau der Sinn,
die in dem Herzen keinen Stolz lässt walten:
die ihrem Mann verzieh, der sie als Pfand
verspielte, scheint nicht viel auf sich zu halten.

Und das ist Brigid, zierlich und charmant,
der Dichter Göttin, die in Irland wohnen.
Sie hat mir eine Seite zugewandt;
die andre gleicht dem Haupte der Gorgonen -
zu Stein erstarren muss, wer je es sieht:
mit solcher Schönheit magst du mich verschonen.

Und diese edle Frau ist Sulamith,
von deren Weisheit viele uns berichten,
die liebend sich mit Salomo beriet:
sie kennt wohl viel romantische Geschichten,
doch ich erwarte mehr von unserm Bund
als Rätsel lösen oder Lieder dichten.

Dort lacht mir Salome mit rotem Mund,
so zauberhaft, so schön und so durchtrieben,
die Grazie aus dem tiefsten Höllenschlund;
die Mordlust steht ihr ins Gesicht geschrieben,
und wer sie liebt, schwebt ständig in Gefahr
zu sterben, um sie bis zum Tod zu lieben.

Und diese ist gewiss Kleopatra,
von der die Konsuln und Cäsaren schwärmen,
in der Antonius sein Schicksal sah,
weshalb Oktavia sich musste härmen.
Sie hatte eine Nase für die Macht;
ich kann mich für den Zinken nicht erwärmen.

Doch wer ist, die so unergründlich lacht,
als würde sie ob meiner Sehnsucht scherzen?
Die Augen sind viel tiefer als die Nacht,
und doch so hell wie hunderttausend Kerzen;
die Liebe ist ihr liebster Zeitvertreib,
ihr Reichtum sind gebrochne Männerherzen.

Helena muss es sein, das Teufelsweib,
an deren Schönheit sich die Dichter laben,
die Dame mit dem Wanderunterleib,
die stets für schöne Männer ist zu haben
und unter ihrer Treuelosigkeit
das stolze Troja restlos hat begraben.

Die sei’s! Mephisto, halt sie mir bereit
und lass sie vom Olympos schnellstens kommen;
beeile dich, verliere keine Zeit!

Du musst dir selber schon dein Glück gestalten;
ich kann nicht gehen, aber sei getrost!
Poseidon, Hades, Zeus und ich verwalten
die Erde, aufeinander oft erbost -
ich habe nur das Abendland erhalten,
als wir des Kronos Erbteil ausgelost;
zuletzt versprachen wir vor allen Dingen,
nicht in der andern Reiche einzudringen.

Doch lass ich dir errichten eine Bühne,
von der du über ihre Liebe wachst,
damit du siehst, wie treulich ich dir diene,
dass du die Göttin dir zu Eigen machst:
in ihrem Tempel steht die Windmaschine,
mit der du ihres Herzens Glut entfachst.
Du wirst sie ohne jeden Kampf besiegen;
sie wird von selbst an deine Brust dir fliegen!

Ich komm! Ich komm! Ich hab den Ruf vernommen -
Helena, heute Nacht noch bin ich dein!
Nur rasch, nur rasch den Götterberg erklommen!

Mein Leben will ich nun der Liebe weihn,
der ich zur Liebe mich so spät ermannte,
und ewig treu wird mir die Göttin sein,
die doch als Menschin keine Treue kannte.
Nun will ich der Erfüllung Fülle sehn,
das Herz, das meinem Herzen nur entbrannte,
und auf der Liebe höchstem Gipfel stehn;
um zu befriedigen die edlen Triebe,
muss zum Olymp ich, zu den Göttern gehn.
Ach, dass ihr Herz doch nun beständig bliebe,
wo sie als Göttin einem Mann gefällt;
ach, wäre nicht die Liebe, ja, die Liebe
so fremd den Menschen und so fern der Welt!


13. Sfumato

Hier stehe ich in Helenas heilgem Tempel;
man hat mir eine Orgel gar gestellt,
dass ich von meiner Spielkunst ein Exempel
zum Opfer bring der schönsten Frau der Welt.
Bald wird der Klang ihr weiches Herz berühren,
dass am Olymp es sie nicht länger hält:
sie wird die Macht des Unbekannten spüren,
und wenn die zarten Töne sie vernimmt,
wird sie ihr Zauber in den Tempel führen
und für die Liebe ihre Brust gestimmt.
Wenn dann vom heilgen Feuer des Verlangens
der erste Funken ihr im Busen glimmt,
so wird das Herz nach kurzer Zeit des Bangens
sich finden an das andre Herz gepresst;
der Liebe Glück war nie so nah - wir fangen’s,
wir greifen es und halten stets es fest,
und, müssten wir es zwingen oder kosen,
wir sorgen schon, dass es uns nicht verlässt.

Doch halt! Es riecht nach Myrten und nach Rosen:
Die Göttin kommt! Schon füllt ihr Duft den Raum;
wie fühle ich der Seele Brandung tosen,
wie mühsam hält der Körper sich im Zaum,
als ich mich zögerlich nach hinten wende:
sie war nicht halb so schön im kühnsten Traum!

Dort kommt die Göttin! Sanft sind ihre Hände,
ihr Hals ist schlank und zierlich das Gesicht,
die Beine wohlgeformt und ohne Ende,
und eine schmalre Taille gibt es nicht;
in ihren zarten Armen zu sinnieren
muss köstlich sein, wenn sie von Liebe spricht.

Dort kommt die Göttin! Ihre Schultern zieren
die Locken ihres wunder-vollen Haars,
die tiefen Seen der Augen reflektieren
die Schönheit aller Welt wie lautres Glas,
die roten Lippen lächeln mir entgegen,
von deren Gift noch nie ein Mann genas:
ein Lächeln, so verwegen, so verlegen,
so hintergründig, offen und so rein,
muss wohl ein jedes Männerherz erregen
. Die Zähne strahlen weiß wie Elfenbein,
es lacht der Schalk aus allen ihren Zügen:
wie könnt ein Mann ihr nicht verfallen sein?

Dort kommt die Göttin! Gern wird sie sich fügen -
erfolgreich war Mephistos kleine List,
sie mit dem Orgelspiele zu vergnügen;
der Liebe großes Maß zu dieser Frist
ist voll, dass bald es überquellen müsste.
So stolz und aufrecht diese Göttin ist,
so stolz und aufrecht sind die edlen Brüste,
wie feste Schilde aus der Troer Reich,
vor denen niemand sich zu helfen wüsste:
der Gegner fällt zu Boden und wird bleich,
die größte Kampfeslust ist schnell zerronnen.
Und Eos’ sanftem Rosenfinger gleich
erstrahlen ihrer hehren Schönheit Sonnen
wie Morgenröte unter zartem Flor;
sie künden von olympisch höchsten Wonnen
dem Gott, an den sie je ihr Herz verlor -
denn zweifellos als Gott wird der sich fühlen,
den sich die Göttin für die Nacht erkor.

Die Seele brennt, und niemand mag sie kühlen:
zu kühlen ist die Seele nicht gewillt,
die früher nichts vermochte aufzuwühlen.
Dort kommt die Göttin! Welch ein göttlich Bild;
der Seele Sehnsucht nach dem ewig Schönen
ist heute und wird immerdar gestillt!

Was höre ich für wundersame Klänge?
Sie dringen so verzaubernd an mein Ohr
wie alter Götter längst vergessner Chor,
wie einer fernen fremden Welt Gesänge.

Was seh ich für ein wundersames Wesen?
Ein edler Fremder spielt in meinem Haus,
und schöner noch als Paris sieht er aus -
sein Haar ist lang und sein Geschmack erlesen.

Was fühle ich für wundersame Dinge?
Ein neuer Geist macht meine Seele schwer
und flattert wild und aufgeregt umher
in meinem Bauch wie tausend Schmetterlinge.

Nein, sag mir nichts von deinem schönen Spiele,
und sage mir auch niemals, wer du bist,
sag nicht, wo deines Körpers Heimat ist,
und sag vor allem nicht, was ich jetzt fühle;

Dass Wissen nicht die Neugier mir vertreibe,
wenn erst die Antwort deinem Mund entquoll,
und immer wieder neu geheimnisvoll
mir das Geheimnisvolle stets auch bleibe.

Erhabne Göttin, wenn mit solchen Tönen
ich schon verwirrte deinen edlen Sinn,
lass mich dich auch auf andre Art verwöhnen,
der ich dein willenloser Diener bin.
Kaum kann ich meine Sehnsucht dir beschreiben:
vor so viel Anmut sink ich kniend hin.
Bevor die Tempelwächter mich vertreiben,
erfülle mir die eine Bitte nur:
an deiner Seite lebenslang zu bleiben.

Erhebe dich, du sterblichster der Götter!
Dass länger hier im Tempel nicht verweilt,
der heute Nacht das Lager mit mir teilt:
erhebe dich, du sterblichster der Götter!

Leg deinen starken Arm um meine Hüfte,
dass ich den Kopf an deine Schulter lehn,
wenn wir gemeinsam zum Olympos gehn:
leg deinen starken Arm um meine Hüfte!

Wie oft ein Mensch wohl solche Gunst erfuhr:
wann brachte je ein Ständchen solch Belohnung?
Nun lass mich folgen deiner Rosenspur
und führe mich in deine Götterwohnung.


Vivace appassionato

Ich bin nun dein! Und nichts kann uns mehr scheiden!
Auf ewig eint uns nun der Liebe Band,
ruht in der deinen meine zarte Hand:
ein Menschenleben blüht das Glück uns beiden!

Und mögen uns die Götter auch beneiden,
um Schönheit mich und dich um den Verstand:
des Herzens Feuer ist mit Macht entbrannt,
und niemand kann den Liebsten mir verleiden.

Ich bin nun dein! Und ewig will ich’s bleiben,
in deiner Liebe blühen bis zuletzt:
kein Mensch, kein Gott wird mich von hier vertreiben!

An deiner Seite will ich bleiben jetzt
und mich mit Herz und Seele dir verschreiben,
bis einst den Mund der Lethe Wasser netzt.


Moderato accelerando

Selene, deine sanften Strahlen fließen
den Liebespaaren wärmend in der Nacht;
du wirst auch heut in ungekannter Pracht
das Licht aus deiner Silberschale gießen.

O Nyx, beschirme unser Glück und breite
den Mantel über unsrer Liebe aus.
Philotes, bleibe stets in unserm Haus
und weiche niemals mehr von unsrer Seite.

O Eros und Himeros, schenket heute
der Liebe Geist dem auserwählten Paar,
dass das Verlangen bleibe immerdar,
das Körper, Geist und Seele schon erfreute.


Animato

Bis einst den Mund der Lethe Wasser netzt,
der meine Lippen wild und zärtlich küsste,
der sanft liebkoste Schultern, Hals und Brüste
und anderswo in Zückung mich versetzt,

Bis einst den Weg des Fleisches geht zuletzt
der Liebste, der ein Gott mir werden müsste,
will dein ich sein im Garten süßer Lüste,
die sich in deinem Arm so glücklich schätzt.

Nun will mein Leben ich mit dir verbringen:
hier kann mein Herz, von Leid zu Leid gehetzt,
sich hoch empor zur höchsten Liebe schwingen.

Und wenn der Sensemann die Klinge wetzt,
so will ich noch im Tode von dir singen;
wie glücklich aber bin ich hier und jetzt!


Agitato

Wie zärtlich deine Augen mich umschlingen,
wie fest dein liebevoller Blick mich hält,
wie fein und lieblich deine Finger singen,
wie sehr mir diese Zweisamkeit gefällt;
es gibt nur uns, und gerade will’s mir scheinen,
als wären wir allein auf dieser Welt!

Die andern Götter gehen mir aus dem Wege:
aus diesem Grunde sind wir zwei allein.
Dies muss mein vorbestimmtes Schicksal sein,
das ich in deine sanften Hände lege.

Doch leb ich nur in deinem reinen Herzen,
und klopft es fordernd nur an meine Brust,
so bin ich deiner Liebe mir bewusst,
und alles andre kann ich wohl verschmerzen.

Leg meinen Schoß verlangend ich in deinen,
verspür ich unsrer Liebe große Macht -
doch was ist das? Was kann dies Schauspiel meinen,
wer hat sich dieses Stück wohl ausgedacht?
Ein Wetter ist am Himmel aufgezogen
und färbt ihn schwärzer als die tiefste Nacht.
Es kommt zu uns an den Olymp geflogen
wie großer Vögel tausendfach Gewirr
und scheint uns gerade nicht sehr wohl gewogen;
ihr lautes Krächzen macht die Menschen irr,
wie Grabgesang erklingt ihr hohles Flöten,
wie Kriegsheer ihrer Flügelschlag Geklirr!

Bei Zeus und Hera! Es sind Stymphaliden,
die zweimal vor den großen Helden flohn;
nun wagen sie sich zum Olympos schon
und rauben uns der Liebe hohen Frieden!

Aus Eisen ist ihr glänzendes Gefieder,
und ihre Mauser bringt den raschen Tod,
von scharfen Schnäbeln werden wir bedroht;
schon stürzen sie auf unser Haus hernieder!

Wir fliegen
und kriegen!

Wir schwirren
und klirren!

Wir flöten
und töten;

Ein jeder
durch Feder

Und Krallen,
metallen,

Mit Schnäbeln
gleich Säbeln!

Wir richten,
vernichten;

Wir kriegen
und siegen!

Ach Helios, helfe du in unsern Nöten
und schick von deinem Lichte einen Strahl
durch diesen Schwarm, der auszog, uns zu töten
durch seiner Flügel mörderischen Stahl,
dass niemand müsse unser Glück beweinen
und unsre Liebe siege dieses Mal!

Der Sonnengott scheint’s gut mit uns zu meinen:
durch diese Wolke, die den Himmel schwärzt,
lässt er uns seinen hellsten Lichtstrahl scheinen;
nun greife ich zu meinem Ring beherzt,
dass in dem Stein das Licht gespiegelt werde -
so wird ein jeder Kranich ausgemerzt!
Schon tropft der letzte Vogel auf die Erde:
dies ist der Stymphaliden letzter Fall,
dass dieser Schwarm nicht einen mehr gefährde!
Der blaue Himmel lacht uns überall,
die schwarzen Klapperkraniche zerfließen,
und aus dem heißen flüssigen Metall
lässt Zeus der Welt die Schwarze Rose sprießen.


Vivace

Wie glücklich aber bin ich hier und jetzt,
auch wenn die andern uns das Glück missgönnen.
Doch welche Listen sie sich auch ersönnen:
ich bin nun dein und bleib es bis zuletzt!

Dass unsre Lieb die Götter so entsetzt,
wird unsereiner nicht verhindern können.
Doch wenn sie Tag und Nacht Intrigen spönnen:
es wird ihr Anschlag in der Luft zerfetzt!

So lass sie intrigiern bei Tag und Nacht,
wir wollen ihren Hass geduldig leiden;
uns schützt ja meines Zaubers große Macht,
der immer wieder helfen wird uns beiden,
der uns den Wandel und den Schlaf bewacht
wie sanften Lämmern, die in Frieden weiden.


Adagio

Soweit die Augen und die Herzen reichen,
soweit der Abendsonne Strahlen glühn,
erblickt man unsrer edlen Liebe Zeichen:
in des Olympos sagenhaftem Grün,
in des Granatbaums Apfels rotem Feuer,
in allen Blumen, die am Wege blühn!
Nichts auf der Welt ist jemals mir so teuer
wie einzig und alleine nur dein Glück;
nur vorwärts führt uns unsres Schiffes Steuer,
und niemals wieder bringt es uns zurück
zu jenem, das wir hinter uns gelassen,
dem freudig wir entfliehen Stück für Stück!

Hörst du denn nicht ein felszerberstend Brüllen?
Ein Löwenrudel zieht vor unser Haus!
Sie machen einem jeden den Garaus,
durch sie wird unser Schicksal sich erfüllen:

Des Löwen von Nemea starke Kinder,
die er gezeugt, als er Medusa traf -
daneben gleicht ihr Vater einem Schaf,
und ihre böse Mutter gar nicht minder.

Sie können harten Stein zu Mehl zerbeißen,
die Erde bebt bei ihrem mächtgen Schritt,
sie können Städt’ vernichten durch den Tritt
und starke Zedern mit den Klaun zerreißen!

Vor diesen Tierchen sollte ich erblassen,
der ich durch größere Gefahren ging?
Mit ihnen will ich gerne mich befassen.

Ihr lieben Kätzchen, seht auf diesen Ring
und achtet auf den Wechsel seiner Farbe,
wenn ich des Hypnos’ Wiegenlied euch sing:

Schlaf ein, Endymion, du schönster Knabe,
doch schließe deine klaren Augen nicht,
die ich so herzlich lieb gewonnen habe.

Schlaf ein, doch zeige stets mir dein Gesicht,
dass sich mein Herz in deiner Schönheit sonne
und blühe in der süßen Augen Licht.

Schlaf ein, dass sich in diesem reinen Bronne
ein jeder Strahl der edlen Sonne bricht:
schlaf ewig, Mensch und Gott zu ewger Wonne!

Nun sieh, wie ich die Biester sanft und schlicht
ins Land der selgen Träumerein entführe:
alles erreicht, wer überzeugend spricht!
Dort ruhn die Löwen, dass man bald sie schüre,
den braven Schafen eines Hirten gleich;
und liegen sie auch ewig vor der Türe,
so bleiben sie doch stets in Hypnos’ Reich!


Adagietto

Wie sanften Lämmern, die in Frieden weiden,
so lauern uns die wilden Löwen auf;
sie rotten sich um unser Haus zuhauf,
und es wird immer schwerer, sie zu schneiden.

Zwar ist es uns nicht möglich, sie zu meiden,
doch hemmt dein Zauber sie in ihrem Lauf.
Sie kommen jetzt zu uns noch nicht herauf,
doch wann wird dieser Krieg sich je entscheiden?

Den Gott gibt’s nicht, der mir die Freude nimmt,
nicht bei den Christen und nicht bei den Heiden.
Und selbst wenn Zeus in heißem Zorn ergrimmt,
er wird mir nicht das liebste Gut verleiden:
das höchste Glück der Welt vorausbestimmt
war doch in Wahrheit lange schon uns beiden.


Presto

In deiner Liebe alle Welt zu lieben,
in deinen Armen alle Welt umarmt,
in deinem Liede alle Welt beschrieben,
an deinem Herzen alle Welt erwarmt,
so soll auch alle Welt mein Glück ersehen
und wie der Himmel meiner sich erbarmt!

Entquillt dies wilde ungestüme Schnauben
schon wieder der erregten Heldenbrust,
oder versucht erneut man uns bewusst
der Freude unsrer Liebe zu berauben?

Es ist der Eber mit den großen Hauern,
durch dessen Raserei Adonis starb,
als Aphrodite liebend um ihn warb;
wir werden seine Wut nicht überdauern!

Ihn zu besiegen wird dir nicht gelingen:
ihn hemmt kein Pfeil, kein Speer in seinem Lauf,
Heroen, Götter halten ihn nicht auf,
und seine Schwarte kann kein Schwert durchdringen!

Wenn ich nur seinen Hauern erst entgehen
und vor ihm auf den Rücken fallen kann,
so werde ich den Kampf mit ihm bestehen
und komm an seinen Unterleib heran.
Dann greif ich zu der schärfsten aller Waffen,
die vor mir erst besaß ein einzger Mann;
was keine Schwerter oder Pfeile schaffen,
schafft meines Ringes harter Diamant:
den wilden Eber nun dahinzuraffen!
Schon kommt das große Tier dahergerannt,
und ich gerat ein wenig doch ins Schwitzen
und starre auf das Monstrum wie gebannt:
ich seh die Mordlust unerbittlich blitzen
in seiner wilden Augen Feuerball,
doch es gelingt mir wirklich, aufzuschlitzen
des Ungetümes Bauch nach meinem Fall!
So ist kein Sterblicher mehr zu beklagen:
der Eber wütet nun in Hades’ Stall!

Fortan will ich die Haut des Ebers tragen,
denn die Trophäe steht mir gar nicht schlecht,
und die Hellenen werden von mir sagen:
Er ist ein Held! Adonis ist gerächt!


Allegro moderato

War doch in Wahrheit lange schon uns beiden
bewusst, wie sehr die Götter uns bedroht;
zwar hilft dein Zauber aus der größten Not,
doch wird den Untergang er nicht vermeiden.

Denn wenn die Götter Sterbliche beneiden,
dann kennt ihr Hass kein göttliches Gebot:
sie brächten uns am liebsten selbst den Tod,
und wer nicht sterben kann, soll ewig leiden.

Solang sie neiden, wollen wir nicht klagen,
denn ungeschoren blieben wir bis jetzt,
und sollte je ein Gott es wirklich wagen,
dass er den Frieden unsres Glücks verletzt,
dann wird von mir ihm ohne jedes Zagen
das Messer an den bloßen Hals gesetzt!


Maestoso

Wie einer schmiegen unsre beiden Schatten
sich an das abendliche Blumenfeld -
es trennt sie keine Macht auf dieser Welt:
sie liegen ewig auf den grünen Matten!

Und wem mag dieser Schatten wohl gehören,
der so bedrohlich neben unserm steht
und der es wagt, die Zweisamkeit zu stören,
die sanft die blütenschwere Luft umweht?
Was führt den düstern finsteren Gesellen
zu deiner Wohnung, an dein Blumenbeet?

Das ist Apollo, den dein Aug erspähte,
der immer wieder glücklos ist verliebt,
und der es mir noch immer nicht vergibt,
dass ich die Gunst des Hirtengotts verschmähte.

Ist der Olymp nicht die Wohnung unsterblicher Götter und heilig?
Was hat ein sterblicher Mensch auf diesem Berge verlorn?

Du brauchst dich schützend nicht vor mich zu stellen;
ich fürcht mich nicht vor seinem Angesicht,
das scheinbar keine Freude kann erhellen.
So ganz versteh ich allerdings auch nicht,
wie schrecklich Hirtengötter sind gestaltet -
das Wölfereißen ist wohl ihre Pflicht.
Zu deiner Frag: ich hab mich hier entfaltet,
der schönsten Frau zu sein der beste Mann,
der Lieb zuliebe, welche nie erkaltet,
doch geht das dich im Grunde gar nichts an,
denn hier hat Helena ihr Häuschen stehen,
wo sie doch wen sie will bewirten kann;
nun sag uns beiden brav Auf Wiedersehen!

Ich bin es, dem ihre Liebe gehört, drum verschwind vom Olympos -
gehst du nicht heut von hier fort, kämpfe ich morgen mit dir!

Ich lasse gern dir die Wahl unsrer Waffen im Streite! Bedenke:
ich habe Helden besiegt, du nie mit Göttern gekämpft!


Allegro con brio

Das Messer an den bloßen Hals gesetzt,
so wollen wir noch inniger uns lieben:
was Eros zueinander hat getrieben,
das trennt kein Gott, ganz gleich wie er uns hetzt.

Wer so der Liebe Mächte unterschätzt,
dem ist kein Herz am Herzen je geblieben:
im Buch der Liebe bleibt er unbeschrieben,
und wenn er noch so viel von Liebe schwätzt.

Ich bin zum Kampf mit diesem Gott entschlossen
und forder ihn zum Streite hier und jetzt;
nicht einmal erst ist Götterblut geflossen.

Und wenn Apollo auch das Messer wetzt
und droht mit seinen silbernen Geschossen:
noch hat es unsre Kehle nicht verletzt.


Presto Assai

Hast du die Waffe gewählt, die dem Leben ein Ende bereitet
jenes unwürdigen Manns, der den Olympos entehrt?

Das Schwert, das Schwert wird unsern Kampf entscheiden:
es bringt dem Menschen einen schnellen Tod,
doch der Unsterbliche muss schrecklich leiden,
wenn er die Kraft des Gegners unterbot.
Mich schmerzt es nicht, wenn ich im Kampf verliere;
dir brächte eine Niederlage Not!

Soll denn ein Gott sich vorm Schwert eines sterblichen Mannes gar fürchten,
welcher noch niemals ein Schwert in seinen Händen geführt?

Dies Schwert braucht keinen Mann! - Komm her, pariere
des Gottes Streich mit aller deiner Kraft,
so dass er schwächlich fällt auf alle Viere!
Da hat er sich schon wieder aufgerafft:
jetzt reiß aus dem Gewand ihm einen Fetzen -
nun sieh, wie er verwundert dich begafft!

Was für ein Schwert ist’s, das deine Befehle gehorsam befolget?
Doch auch mit diesem wirst du niemals dem Tode entgehn!

Noch mussten wir Apollo nicht verletzen,
doch zeigst du hier schon deine große Macht
und wie du gar die Götter kannst entsetzen!
Der Sieg ist nur uns beiden zugedacht;
ertrage nicht, dass er dich noch verspotte,
ertrage nicht, dass er so höhnisch lacht,
und trenn das Haupt vom Rumpf dem stolzen Gotte!


Andantino

Noch hat es unsre Kehle nicht verletzt,
das Schwert des Damokles jedoch bleibt hängen
hoch über unserm Haus: die Götter drängen
verbissen auf Apollos Rache jetzt.

Nun hat Paiéon wieder aufgesetzt
das Haupt dem wilden Gott nach vielen Gängen,
und hält er endlich dich in seinen Fängen,
so wirst du wie ein Lamm vom Leu zerfetzt!

Unsterblich heißt nicht unbesiegbar sein:
nicht immer kann ein Gott den Kampf entscheiden.
Das sieht vermutlich selbst Apollo ein
und wird den Streit in Zukunft wohl vermeiden.
Wo nicht, da schützt uns meines Ringes Stein;
was kommt, wird meine Liebe nicht verleiden!


Andante con moto

Selten war die Götterwelt sich so einig:
die sich einst bekämpften, versuchen heute
jenen ungebetenen Gast zu töten,
den du gebracht hast.

Auf mein Bitten hat nun Hephaistos’ Schmiede
einen großen magischen Schild gefertigt,
der euch schützen wird vor Geschossen, Schwertern,
sämtlichen Waffen!

Wenn die Götter eure Gemächer stürmen,
haltet ihnen nur diesen Schild entgegen:
machtlos wird man euch gegenüberstehen,
hilflos sich trollen.

Dass Aphrodite steht auf unsrer Seite,
das scheint recht seltsam und befremdlich mir -
ich glaubte es am ehesten von ihr,
dass sie mit all den andern Göttern streite!

Auf ihre Hilfe hätt ich nicht gewettet,
so unstet ist ihr Freundschaftsdienstverlauf:
sie hat an Paris billig mich verkauft
und vor des Menelaos Schwert errettet.

Seis drum, auf ihre Hilfe uns zu stützen,
das wird für uns von großem Vorteil sein:
wir sind im Kampfe länger nicht allein
und können uns vor jedem Anschlag schützen!


Adagio

Was kommt, wird meine Liebe nicht verleiden:
selbst wenn man des Olympos mich verwies
und aus dem Kreis der Götter mich verstieß -
nie würde ich mich gegen dich entscheiden!

Und müsst ich mich in Leinensäcke kleiden,
nachdem den Sitz der Götter ich verließ:
solang ich deine Liebe noch genieß,
wird mich ein jeder um mein Glück beneiden.

Ich habe dir mit meinem Orgelspiele
den wundervollen Götterkopf verdreht
und ahnte nicht dabei, was ich erziele:
dass bald uns der Olymp entgegensteht
und sorgt, dass meine liebste Göttin fiele:
verzeih, mein Herz, was zu verzeihen geht!


Prestissimo

Vom kopflosen Apollo angeführet
zieht schon der Götter Heer vor unser Haus:
komm, gehen wir zu ihnen rasch hinaus,
wie einem tapfern Helden es gebühret!

Die Kinder Zeus’ verlangen unser Ende:
sie neiden unsre Liebe, unser Glück -
selbst Ate holt man zum Olymp zurück,
dass sie im Kampf die Liebenden verblende!

Auch Hera, seine Schwester und Gemahlin,
kämpft mit, die wie ihr eignes Kind mich hasst,
Athena hat die Lanze schon umfasst,
die manngeborne, Hades auszuzahlen!

Siehst du das Blitzen in den Augen Ares’,
des Herakles entschlossenes Gesicht
und Artemis, die Todesgöttin, nicht?
Es ist ganz sicher etwas sonderbares,

Die Einigkeit der kriegerischen Recken,
und hättest du den Schild nicht und das Schwert,
so blieb ich nicht als Göttin unversehrt,
sie würden mich zu Tode sicher schrecken!

So mach sie nun mit deinem Schwerte nieder,
dem schon Apollo peinlich unterlag,
doch treibe es mit ihnen nicht zu arg:
sie sind doch meine Schwestern, meine Brüder!

Du willst dir deinen Lorbeer wiederholen
und glaubst, ich könnte euch nicht widerstehn,
der mir die stärkste Waffe ist befohlen?
So lasst uns nun zur Schlacht der Schlachten gehen
und mich die Götter des Olymps entehren,
die den Bezwinger vor sich stehen sehn!

Heute wirst du von den Göttern gerichtet, und deine Gebeine
wird nicht bedecken hinfort auch nur ein Krümelchen Sand!

Ich werde selber dich töten, und ich trage selber die Sorge,
dass deine Leiche verfault ohne zu finden ein Grab!

Glaubst du! Du wirst nur deinen Spott vermehren,
denn unbesiegbar ist der große Held,
und gegen ihn kann sich kein Gott erwehren!
Nun komm, mein Schild! schlag zu, mein Schwert! Gesellt
euch zu dem Streit, zum großen Blutvergießen:
beschützt das friedevollste Paar der Welt
und lasst gleich Wein den schwarzen Ichor fließen!


Allegretto

Verzeih, mein Herz, was zu verzeihen geht;
dass meine Liebe, die dich hat verleitet,
dir so viel Leid und Ungemach bereitet
und ins Gesicht der Götter Wind dir weht!

Dass trotzdem deine Liebe noch besteht,
dass sie mich stets auf Schritt und Tritt begleitet
und gegen starke Götter für mich streitet
ist mehr, als ich vom Schicksal je erfleht.

Du nicht, du hast mich nicht zunicht gemacht:
ich selbst, ich selbst beschwor uns das Verderben.
In meiner Einfalt habe ich gedacht,
ich könnte hier das höchste Glück erwerben;
ich selber habe all das Leid gebracht,
ich stürzte dich ins Unglück durch mein Werben!


Prestissimo possibile

Zu jenen Göttern, die uns beide hassen,
hat sich Poseidon nun dazugesellt;
wie hat er die Ägäis aufgeschwellt,
wie drohend wälzen sich die Wassermassen!

Wie Halme sieht man große Zedern weichen,
und nun verliere gänzlich ich den Mut;
schon schwillt um den Olymp die Wasserflut,
und unsre Wohnung wird sie bald erreichen!

Ach, dass wir unser Haus am Gipfel hätten,
wo uns das Wasser nicht zum Halse steht
und wo die Liebe nimmer untergeht;
kein Ring, kein Schwert, kein Schild wird hier uns retten!

Lass alle Diener deines Tempels kommen,
solang der Weg, die Straßen frei noch sind:
nur rasch, nur rasch den Götterberg erklommen!

Dass unsre Liebe diesen Kampf gewinnt,
müsst eine hohe Mauer ihr errichten
um diesen Garten, gründlich und geschwind:
Poseidon will durch Sturmflut uns vernichten,
drum müsst ihr schneller als das Wasser sein!
Ihr dürft nicht müde werden aufzuschichten
mit allen euren Kräften Stein auf Stein,
bis sie die Höhe jenes Hangs erreichen,
auf dem erblüht der nächsten Götter Wein.
Ich weiß, es ist ein Auftrag ohnegleichen,
doch steht der Turm, zu dem ich euch gedrängt,
wird auch der Gott des Meeres wieder weichen,
da er der andern Götter wohl gedenkt,
mit denen er verbleiben will im Guten:
denn wenn Poseidon jetzt noch uns ertränkt,
so muss er auch die andern überfluten!


Sostenuto

Ich stürzte dich ins Unglück durch mein Werben,
hielt ich dich auch nur einen Tag noch fest,
an diese liebend heiße Brust gepresst;
wo du nicht gehst, da werden wir verderben.

Und oftmals denk ich an den Tod, den herben,
als den Erlöser. Halte mich ganz fest,
bevor du mich zu unserm Heil verlässt;
ich möchte, doch ich kann und darf nicht sterben.

Du hast mir doch vor ungezählten Tagen
der Liebe Samen in das Herz gesät;
nun hat er Wurzeln in den Stein geschlagen,
die Blume blüht in holder Majestät.
So kann ich dir kein Lebewohl mehr sagen,
weil es zur Umkehr leider schon zu spät!


Andante

In diesen Mauern werden wir verschmachten:
zwar schützt uns dieser kolossale Turm
vor Wasserfluten und vor jedem Sturm,
doch wird er ewig unser Heim umnachten!

Ich hätte in die Wälder dir Delfine
und wilde Eber in das Meer gemalt,
damit du siehst, wie selbstlos ich dir diene.
So treulich wird mein Mühen nun bezahlt,
dass dir zum Schutz ich ließ die Mauer bauen:
du klagst, dass uns die Sonne hier nicht strahlt,
und brauchst doch auch die Sturmflut nicht zu schauen!

Das Dunkel lässt mich den Verstand verlieren;
Geliebter, kannst du diesmal mir verzeihn?
Wir dürfen uns auf keinen Fall entzwein,
dass kampflos nicht die Gegner triumphieren!


Calando

Weil es zur Umkehr leider schon zu spät,
wird meine Liebe endlich dich vernichten.
Du wolltest, konntest nicht auf sie verzichten;
das Herz ist taub, wenn der Verstand ihm rät.

Doch wenn auch unsre Liebe nie vergeht:
bald werden uns die ewgen Götter richten
und hohle Klagen gegen uns erdichten,
so dass dein Zauber nicht vor Zeus besteht!

Ich hätte Gold dir aus dem Styx gesiebt,
um deine zarte Liebe zu erwerben,
die mich so sanft und selbstlos hat geliebt.

Uns beiden wird die Liebe nicht ersterben;
nun, da es kein Zurück für uns mehr gibt,
bringt meine Lust uns beiden das Verderben.


Andantino

Nun kommen noch Apollos schwarze Raben:
sie rauben uns das letzte Tageslicht,
und auch sehr sauber sind die Vögel nicht,
die keine Würde, kein Benehmen haben.

Es sind zu viele dieser Tagediebe -
dein Schwert, es rottet längst nicht alle aus;
sie sitzen auf der Mauer und im Haus
und scheißen auf die allerhöchste Liebe!

Das widerlichste, was uns je bedrohte:
noch schlimmer werden kann es nun wohl nicht!
Und dort, mit einem Grinsen im Gesicht,
steht Hermes vor uns, er, der Götterbote.

Mich schickt Apollo, letztmals zu warnen euch:
er wird nicht ruhen, kehrt nicht der Fremde heim,
zurück ins Land der Blinden Folger,
wo er den eigenen Gott bekämpfe!


Lento

Bringt meine Lust uns beiden das Verderben,
bringt meine Liebe Elend und Verdruss?
Wie teuer, Liebster, zahlst du jeden Kuss,
wie teuer musst du dir mein Herz erwerben!

Schon bald muss unsrer Liebe Blüte sterben,
so wie der Mohn dem Sturme weichen muss,
dem Hagelschauer und dem Regenguss,
doch bleibt die Wurzel fest wie die der Zerben.

Kein andrer mag die Blüte wohl ermessen,
in welcher unsre edle Liebe steht:
die Pracht, die Mensch und Götter nie besessen!

Und wie der zarte Mohn im Sturm vergeht,
so wird man unsre Namen bald vergessen:
als Flugsand werden wir vom Wind verweht!


Vivace

Empfing nicht mancher schon die Götterweihe,
der deinem Schwert nicht konnte widerstehn?
Lass uns zu Zeus, dem Göttervater, gehn,
dass er auch dir Unsterblichkeit verleihe!

Wird Zeus dich erst an den Olymp erheben,
zum Gott dich machen in der Götter Reihn,
wirst du mit ihnen ausgesöhnet sein
und ewiglich an meiner Seite leben!

Ein Gott! Wie lieblich klingt es meinen Ohren.
Unsterblich! Keine Hölle und kein Tod;
ich fühle mich so gut wie neu geboren!
Kein Gott, kein Teufel, welcher mich bedroht:
als Gott ein neues Leben nun beginnen
mit jener Göttin, die die Hand mir bot,
so werde ich Mephisto gar entrinnen!


Ritenuto

Als Flugsand werden wir vom Wind verweht,
sollt Zeus dich zu den Göttern nicht erheben,
dass wir fortan als Gott und Göttin leben
und unsrer Liebe nichts im Wege steht.

Doch sollt er hören, wenn die Tochter fleht,
Unsterblichkeit dem Sterblichen zu geben,
so siegte endlich unser heißes Streben
nach jener Liebe, welche nicht vergeht!

Es zieht die Liebe ewig himmelwärts,
und sollte man uns unsres Glücks enterben,
unüberwindlich wäre unser Schmerz.

Die Trennung wäre beiden uns Verderben,
als müssten wir entreißen unser Herz,
ja, in getrennten Höllen ewig sterben!


Maestoso

An den Olympos soll ich nun erheben das sterbliche Menschlein,
das so viel Unruhe stiftet am Sitze der ewigen Götter?
Wärest du, Helena, Schönste nicht unter den Töchtern des Höchsten,
göttlichste unter den Weibern und weiblichste unter den Göttern,
lachte ich höhnisch dir in das Gesicht ob solch stolzen Begehrens!
Aber du weißt viel zu gut, dass dein Vater dir nicht eine Bitte,
nicht einen Wunsch kann versagen, obwohl du doch wieder und wieder
Ärger gestiftet hast zwischen den Welten der Götter und Menschen:
wie viele schicktest du durch deine Treulosigkeit in den Hades,
als du, bald müde geworden des eigenen Gatten, nach Troja
flohst mit dem Prinzen des feindlichen Landes, den Krieg zu entzünden,
der wie kein anderer Blut von den Helden und Müttern gefordert,
Kindern und Greisen; ich habe die Blutschuld nicht sühnen dich lassen,
hab Aphrodite geschickt, dass vorm Schwert sie die Tochter errette
und dich auf Bitten Apollos nur, deines olympischen Gatten,
zu den unsterblichen Göttern erhoben, dass Tod euch nicht trenne!

Drängst du mich nun, deinen neuen Geliebten wie du zu vergöttern,
soll er die Möglichkeit haben, sich wirksam als Gott zu bewähren:
wird er die Spindel der Göttin des Schicksals, Moira, mir bringen,
ohne ein menschliches Wesen dabei auf dem Weg zu berühren,
soll er als Gott unter Göttern mit dir am Olymp ewig leben! -
Wo er versagt, muss zurück in das Land Blinder Folger er kehren:
du wirst dorthin ihn begleiten und so lange mit ihm dort leben,
bis ihn Mephisto nach Ablauf der Zeit in die Hölle wird holen.
Dich aber, Helena, werde ich dann in den Tartaros stoßen,
treulose Göttin, und du wirst in ewigen Wehen dort liegen,
Schmerzen erleidend wie niemand zuvor, und doch niemals gebären!


Allegro moderato

Ja, in getrennten Höllen ewig sterben,
das wär die wahre Hölle erst für mich.
Die Hölle wird zur Hölle ohne dich:
wie selig wär’s, gemeinsam zu verderben!

Doch läge morgen unser Glück in Scherben,
weil dir das deine von der Seite wich,
und öffneten die Höllen beide sich:
nie reute mich, dass ich erhört dein Werben.

Ich bring die Spindel ihm so schnell ich kann
und werde jegliche Gefahr vermeiden,
und kein Olympier wird uns beiden dann
noch unser ewges Götterglück verleiden.
So sieh dir einmal noch den Helden an:
ich bin nun dein! Und nichts kann uns mehr scheiden.


Vivace

Im Leben hätt ich’s mir nicht träumen lassen,
der Schicksalsgöttin je so nah zu sein,
den eignen Lebensfaden zu umfassen,
zu trinken der Moira süßen Wein
mit ihr an allen Weltgeschehens Bronne,
doch besser noch ist dieser Wein vom Rhein!

Bessrer Wein noch als der, den ich dir schenkte ein?
Das mag glauben wer will - ich glaub es sicher nicht!
Warum trinkst du ihn lieber,
und wo kommt dieser Tropfen her?

Weit fort, im Land der untergehnden Sonne,
wächst eine Rebe, eines Gotts Geschenk,
die allen Menschen blüht zu Lust und Wonne,
der beste aller Weine, wie ich denk:
sehr fruchtig, rassig, lieblich unterdessen,
doch nicht so süß und schwer wie dies Getränk.

Nun, so schenke mir ein! Dennoch, ich wette drauf,
dass der meine besteht; aber verlange ich
doch von dir die Amphore,
nimm dir, was du nur haben willst!

Wär meine Bitte nicht so sehr vermessen,
so wünschte ich die Spindel mir von dir,
die mancher andre gerne hätt besessen;
gern läse ich die Zukunft wohl in ihr,
doch darfst du ja dein Werkzeug nicht vermissen,
und so erbitt ich etwas andres mir.

Was ich sage, das gilt! Himmlischer ist kein Wein,
Nektar lieblicher nicht, kühlender kein Getränk;
diesen Wein muss ich haben -
meine Spindel gehört nun dir!

Jetzt schon fühl ich die Glut feurigen Rebensafts,
meine Sinne berauscht und mein Gemüt erhitzt:
an die kräftige Schulter
lass mich legen den schweren Kopf!

Verzeih mir, Göttin, gerade du musst wissen,
dass ich erwartet werd vom schönsten Kind -
ich wär geplaget von Gewissensbissen,
ließ ich sie warten; nur geschwind, geschwind!


Ritardando

Im todgeweihten Kahn kommst du geschwommen
und willst jetzt weiter zu den Göttern fort,
doch hast du unser Singen erst vernommen,
so zieht es dich an diesen schönen Ort;
uns zu erhören wirst du eilen,
du wirst vergessen deiner Liebsten Wort
und gerne hier mit uns verweilen:
der ewgen Schönheit dich erfreun,
die ewge Jugend mit uns teilen,
des ewgen Frühlings Liebling sein
und vor dem Strand zerschellen;
auch davor wirst du dich nicht scheun
und reitest durch die Wellen:
nun komm, beeile dich!
Denn wer der Liebe Quellen
ernst und wahrhaftiglich
sich will erstreben,
der opfert selber sich
wie auch sein Leben;
drum hat dafür
sich aufzugeben
wer ganz sich ihr
verschriebe,
und so ist hier
der Triebe
Gebot:
die Liebe
im Tod.

Ich werde eurem Blick sogleich entschwinden,
ganz ohne dass ihr meinen Tod genießt,
denn stärker noch als Ketten, die mich binden,
als Wachs, das schützend mir das Ohr verschließt,
sorgt eine Macht, dass dieser nicht erblindet:
dass mir der Liebsten Geist im Herzen fließt,
ihr Bildnis eure Schönheit überwindet,
verlockender noch ihre Stimme wirbt,
dass sein Bewusstsein der Versuchte findet
und lieber ewig liebt als einmal stirbt!


Allegro

Hier kommst du nicht weiter,
du kannst mich nicht meiden,
und jeden Menschen muss ich töten,
der nicht das große Rätsel löset!

Du Löwenvogelmenschin kannst nicht schrecken
den Mann, der stolz den Stein der Weisen trägt.
Dein Rätsel, Sphinx, will ich sogleich entdecken,
und habe auch im Geiste lang bewegt
so mancher Weise deine schwere Frage:
bei mir wird rasch und gründlich überlegt!

Zu Hohem geboren,
zu Niederm erzogen,
so strebt der Mensch sein ganzes Leben
dem höchsten Niedrigen entgegen.

Ein Bäumchen er pflanzte,
das ewig wird wachsen,
doch wird ihm nie ein Spross entstehen,
da Fremde alle Frucht verzehren!

Die Arbeit ist es! Dass sie Wurzeln schlage,
wird sie gepflegt, begossen früh bis spät,
auf dass nach kurzer Zeit sie Früchte trage:
die ernten jene, welche nicht gesät,
und fressen alle auf mitsamt den Kernen,
so dass kein Same auf den Grund gerät!

Du hast nun als Erster
gelöset das Rätsel,
und einem Mann von deinem Geiste
will gern ich meine Gunst erweisen!

Um Ja zu sagen müsst ich viel verlernen:
der Zahn, die Kralle hätte mich verletzt,
drum will ich lieber eilend mich entfernen,
bevor die Frau zum Sprunge angesetzt.
Nun hör ich hinter mir sie tierisch kreischen:
sie hat die Klauen einmal noch gewetzt,
sich selber unerbittlich zu zerfleischen!


Moderato

Warum so trübe, lieblicher Jüngling?
Schön ist die Liebe, schön ist die Nacht!
Lass dich berühren, lieblicher Jüngling,
lass uns verführen dich heute Nacht.

Lasst einfach mich an euch vorübergehen;
ich halte mir auch meine Augen zu,
damit ich eure Schönheit nicht muss sehen,
sonst wäre ich von euch verführt im Nu!
Schaut fort nun, greift nicht ein in das Geschehen,
und lasst den armen schwachen Mann in Ruh!

Zeus ist der Vater, wir seine Töchter,
unser Berater stets ist sein Geist.
Er ist ein Kenner: wir, seine Töchter,
lieben die Männer, lieben den Geist!

Der Götter Gott wird überall uns sehen,
vor dessen Zorn dem Herzen schrecklich bangt:
ich will doch meine Prüfung hier bestehen,
ganz ohne das des Donnrers Urteil schwankt.
Den Ruhm zu ernten, der mir muss gebühren,
bring ich die Spindel, die er hat verlangt,
und keinen Menschen darf ich nun berühren!

Nymphen sind Götter und keine Menschen,
ist manchem Spötter beides auch gleich:
lieben dich Nymphen und keine Menschen,
wird Zeus nicht schimpfen - du wirst ihm gleich!


14. Cantabile

Ich bin nun dein! Und nichts kann uns mehr scheiden,
bis einst den Mund der Lethe Wasser netzt;
wie glücklich aber bin ich hier und jetzt!
Wie sanften Lämmern, die in Frieden weiden,

War doch in Wahrheit lange schon uns beiden
das Messer an den bloßen Hals gesetzt.
Noch hat es unsre Kehle nicht verletzt -
was kommt, wird meine Liebe nicht verleiden!

Verzeih, mein Herz, was zu verzeihen geht;
ich stürzte dich ins Unglück durch mein Werben.
Da es zur Umkehr leider schon zu spät,
bringt meine Lust uns beiden das Verderben:
als Flugsand werden wir vom Wind verweht,
ja, in getrennten Höllen ewig sterben!


15. Finale: Largo

Und das ist alles? Wie die Götter lieben
und jeden Liebeskummer leicht verschmerzt,
in manchen Armen über Nacht geblieben,
so manche Frau und Göttin gern geherzt,
das Wörtchen Nein nicht auf die Lippen bringen
und dadurch die Unsterblichkeit verscherzt?

Und das ist alles? Um die Freiheit ringen
für jeden, der an schwerer Kette lebt,
doch statt sich aus dem Staub emporzuschwingen
so wie der Strauß den Kopf im Sand vergräbt
und glaubt es hilft, die Türen zu verrammeln,
wenn draußen sich der Hurrikan erhebt?

Und das ist alles? Wissen anzusammeln,
dass nicht das kleinste bisschen Neugier bleibt,
allwissend deine Tage zu vergammeln
des Lebens, das wie zäher Brei dich treibt,
an dem du das Interesse hast verloren,
nachdem du alles dir hast einverleibt?

Das ist wohl alles. Nichts bleibt dem Doktoren,
dem keine Macht der Welt Erfüllung bringt.
Ich will - und weiß nicht was! Umsonst geboren,
umsonst der große Wurf, der nie gelingt,
umsonst, am Glück und an der Welt zu schmieden:
den Menschen dürstet es, solang er trinkt -
kein Weg, kein Ziel stellt seinen Geist zufrieden!


Andante sostenuto

Mein Wagner! Welche Freude, dich zu sehen;
wie lange hab ich nichts gehört von dir!
Ich Dummkopf kann zwar nicht so ganz verstehen,
dass du in einer Kutte kommst zu mir,
doch komm nur! lass ein Gläschen Wein dir munden,
und sage mir zuerst: was machst du hier?

Ich komm, ein ernstes Wort mit Euch zu sprechen -
ich denke, es ist allerhöchste Zeit:
einst wird sich Gott für jede Sünde rächen,
seid Ihr zur Buße nicht bereit!

Ihr wart mir stets besonders wohl gewogen,
doch Euer Wandel hat mich abgeschreckt;
so bin ich in ein Kloster eingezogen
und habe dort den Herrn entdeckt!

Der Herr ist schrecklich, aber welch Entzücken
bereitet ihm und tausendfache Lust,
kann den verlornen Sohn er endlich drücken
an seine liebe Vaterbrust!

Noch ist es Zeit: ergreifet seine Gnade
und willigt nur in seine Liebe ein;
um einen Mann wie Euch wär’s viel zu schade,
der Hölle Untertan zu sein.

Versucht Euch aus des Satans Bann zu lösen,
den irdschen Dingen, die der Leib begehrt;
bereut, entsagt nur fernerhin dem Bösen
und lebt wie Christus hat gelehrt.

Nehmt Eure Lene endlich auch zum Weibe,
die Euch seit Jahren Liebesdienste tut -
es ist, wer gut genug zum Zeitvertreibe,
als Ehefrau genauso gut.

Auch eine Gattin kann den Hunger stillen,
drum handelt schnell, noch ist es Gnadenfrist;
um Lenes und um Eurer Seele willen
und Eures Sohns, so’s Eurer ist.

Ich kann es nicht! Du rührst in meinen Wunden,
ich werde es mir selber nie verzeihn:
ich habe mit dem Teufel mich verbunden
und löste bei ihm meine Seele ein -
er wird mir auf der Erde allzeit dienen,
und dafür bin ich nach dem Tode sein!

Ihr wart doch als Jurist einst sehr gewichtig,
erinnert Ihr die kleinsten Dinge nicht?
Verträge sind von Anfang null und nichtig,
sobald sie eine Seite bricht.

Bedenkt es nur am Beispiel Eures Falles:
seid ihr in jeder Wissenschaft begabt,
wisst Ihr nun, wie versprochen, wirklich alles,
und habt ihr jede Frau gehabt?

Versprach der Satan Euch mit süßem Munde
die Dinge, die er niemals halten kann,
so seid Ihr frei von Eurem Teufelsbunde
und wisst: Gott nimmt Euch immer an!

Drum solltet Ihr nun Euer Haupt erheben!
Kein Grund, dass vor des Herrn Gericht Euch graust:
wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben,
und niemand liebte so wie Faust!

Das wär der Ausgang aus der Hölle Minen,
der letzte Weg aus meinem Ungemach,
die Rettung, die unmöglich mir erschienen.
Drum sei gewiss: ich denk darüber nach!


Presto

Ach, schöne Frau, der ich mein Leid befehle,
Ihr werdet helfen, spür ich’s doch genau:
ich will nicht, dass mein Freund sich weiter quäle -
er denkt zu viel, drum scheint ihm alles grau,
und von der Trübheit seiner frommen Seele
erlöst ihn nur die Liebe einer Frau.
Zehn Gulden will ich Euch im Voraus geben,
und weitre zehn, erweckt Ihr ihn zum Leben!

Wen würde ich um diesen Preis nicht lieben?
Ich habe schon für weniger verschrieben
mein Herz so manchem ungestalten Mann;
nun sagt mir schnellstens, wo ich finden kann
den Herrn, den Kummer hat so weit getrieben!


Vivace

Herr Faust, Herr Faust! Ich will zu Euch mich setzen,
vernahm von Euren großen Geistesschätzen -
ich hoffe doch, dass mein Besuch nicht stört;
von Eurer Weisheit hab ich viel gehört
und würde gern ein Stündchen mit Euch schwätzen.

Man sagt, Ihr könntet jeden Stern benennen,
der Frauen Herzen mühelos entbrennen!
Ich komme ungebildet nicht hierher,
doch gerne lernte ich von Euch noch mehr;
das Wunder gar des Lebens sollt Ihr kennen!

Nun ja, ich kenn mich aus mit Fraun und Sternen;
so komm in meine Wohnung doch hinein!
Wir beide haben vieles noch zu lernen:
dein Wesen scheint dem meinen gleich zu sein -
natürlich darfst du meiner Weisheit lauschen,
bist du dafür nur heute Abend mein,
dass mit Gewinn wir unsre Gaben tauschen!

Wo Gleiches liebend sich zum Gleichen findet
ein Narr, wer liebend sich nicht gleich verbindet!
Ich sehe schon: das Feuer ist entfacht,
drum rasch das Lager am Kamin gemacht,
bevor der Reiz des Augenblicks verschwindet.


Perdendosi

Mephistophela! Kommst du, mich zu holen?
Ich weiß, um welche letzte Gunst ich bat;
dir hab ich meine Seele anbefohlen
und bin bereit zu meiner Höllenfahrt.
Ich folge deinem Rufe ohne Klagen,
wenngleich du mich auch oftmals hast genarrt.

So ist dir doch dein starrer Sinn geblieben:
du flehst um Gnade und Bewährung nicht!
Nachdem du unbesonnen hast betrieben
mein teuflisch Werk mit menschlichem Gesicht,
geht Luzifer, dem du dich einst verschrieben,
mit seinem Diener heute ins Gericht.
Du bist im Leben nie mein Herr gewesen:
du warst ein gutes Werkzeug stets des Bösen!

Ob gut, ob bös; was hat das noch zu sagen?
Ich gab mein Wort, ich halte es auch ein -
was soll ich nach Vergangenem noch fragen?
Doch eines, eines wünsch ich mir allein:
mit dir die Ehe endlich zu vollziehen;
du sollst die letzte Frau statt dieser sein!

Gern würde ich dir diese Gunst erzeigen,
doch musst du mich verstehen: schwerlich nur
wird wohl dein Körper deinen Geist besteigen,
durch den er so viel Lust und Leid erfuhr.
Beendet ist nun deines Daseins Reigen
und abgelaufen deine Lebensuhr.
Ich weiß, du kannst die Worte nicht erfassen:
du wirst in deiner Höll allein gelassen!

Vergebens hab ich dir mein Ohr geliehen:
wie soll ich das, was du gesagt, verstehn?
Willst du vor Faustus aus der Hölle fliehen?
Soll ich womöglich nicht zur Hölle gehn?
Und was hast du mit meinem Geist zu schaffen?
- Ich kann den Sinn der Rede schwerlich sehn.

Der Mensch will ständig große Dinge wagen,
ein Drang, der seiner stolzen Brust entquillt;
doch fürs Misslingen auch die Schuld zu tragen
ist seine eitle Seele nicht gewillt:
drum schuf er einst für alle Lebenslagen
sich Gott und Teufel selbst nach seinem Bild
und kann sich durch sein eigenes Erdichten
den Himmel und die Hölle selbst errichten.

Von deiner trüben Seele früh geboren,
wuchs ich in deinem Geist behütet auf;
sobald ich groß war, hast du mich beschworen
und botest meine Mutter zum Verkauf.
Du hast als Sündenbock mich auserkoren
und ließt den Dingen arglos ihren Lauf.
Ach, dass man es in Feuerlettern schriebe:
nur du, du selbst bist Weisheit, Bosheit, Liebe!

So sieht nun Faust den Abgrund vor sich klaffen,
nachdem er so viel Elend hat gebracht;
er schlug sich selbst mit seinen eignen Waffen
der nie die Folgen seines Tuns bedacht.
Mephistopheles war in all den Jahren
ein Spuk des Geistes, der ihn ausgelacht.
Darüber ist er sterbend sich im Klaren:
wohin, wohin wird nun die Seele fahren?


Scherzando

Hat denn der Himmel mit mir kein Erbarmen?
Grad lag ich noch an seiner Brust, der warmen,
das Knistern des Kamins drang uns ans Ohr,
da zuckte eine Flamme hoch empor -
nun liegt der Liebste tot in meinen Armen.


Chor der Satyrn

Waldrand. Ein schmaler Bach plätschert in einem kleinen Wasserfall hinunter. Im Hintergrund ist der Eingang des Labyrinths zu sehen, unter einem Rosenstrauch liegen ein Ring, ein Schwert und ein Schild.
Silenos, Satyrn (darunter Ampelos, Anios und Battos) und Nymphen sind gesellig zusammen, lassen die Amphore kreisen oder vergnügen sich anderweitig miteinander. Zwischen ihnen laufen mehrere Lämmer.

Silenos:
Wie lang Dionysos nun schon im Irrgarten,
im Labyrinth des Minotauros irrt umher,
dies sagenhafte Fässchen Wein zu entdecken,
das jenes Ungeheuer sich versteckt hatte,
bevor es auf den großen Heros Theseus traf!
Fast denke ich, wir sollten unsern Gott suchen,
weil er allein bestimmt den Ausweg nicht findet.

Ampelos:
Ob wohl der Minotauros
doch noch sich Opfer schlachtet?
Grässlich ist der Gedanke,
dass er darin noch wütet!

Battos:
Er entging ganz gewiss
Theseus’ magischem Schwert,
und sein Abendgericht
wird Dionysos sein!

Anios:
Lasst es nicht zu, dass er,
unser getreuer Freund,
in die gemeine Hand
solch einen Scheusals kommt!

Ampelos:
Wenn es nur Hände wären,
denen der Menschen gleichend,
aber es wird den Weingott
mit seinen Hufen zerstampfen!

Battos:
Wer zieht mit in den Kampf,
unsern Freund zu befrein,
und wer tötet mit mir
jenes Untier noch heut?

Ampelos:
Gern will ich mit dir gehen
und jenen Stier zerfleischen,
doch es wird bald schon dunkel,
und ich kann kaum noch sehen!

Anios:
Gerne begleit ich dich,
töte das wilde Tier,
aber jetzt wird es heiß:
sieh nur, wie arg ich schwitz!

Silenos:
Dionysos, es will dir keiner hier helfen,
man lässt dich feigerweise in den Tod gehen,
weil diese Satyrn Angst vor einem Stier haben!

Satyrnchor:
Satyrn kennen nicht Angst noch Furcht,
und sie schrecken vor nichts zurück,
doch sie wissen: Dionysos
geschah und geschieht nichts!

Komm schon, Väterchen, trinke mit!
Lass Dionysos seinen Spaß;
sicher hat er das Fass entdeckt,
betrinkt sich und liebt sich.

Seinem Beispiele folget nun -
drückt das Liebchen an eure Brust
und die Krüge an euren Mund:
betrinkt euch und liebt euch!

Nymphenchor:
Fand den Weg er ins Labyrinth,
weiß er sicher den Weg hinaus.
Lasst uns feiern, wie er es tut:
liebet und trinkt, trinket und liebt!

Silenos hat den Rat befolgt und die Amphore angesetzt, die er nun nicht mehr von den Lippen nimmt. Ein Satyr flötet zum Tanz, Ampelos, Anios und Battos haben inzwischen Ring, Schwert und Schild entdeckt und begutachten sie.

Anios:
Scharf ist dies alte Schwert,
dass man’s nicht glauben mag:
hebe dich in die Luft,
schlachte mir dieses Lamm!

Das Schwert erhebt sich und schlägt dem Lamm den Kopf ab.

Anios:
Welch ein gehorsam Schwert!
Geh nun zum Apfelbaum:
dass er nicht trinkt zu viel,
halte Silenos auf!

Das Schwert bewegt sich auf Silenos zu, der rechtzeitig den Schild ergreifen kann, mit dem er alle Angriffe abwehrt.

Silenos:
Was soll der Unsinn? Wollt ihr mich denn loswerden?
Ich kann doch nicht mein Leben lang mit ihm kämpfen;
nun sag schon deinem Schwert, dass es zurückkehre!

Niemand beachtet Silenos, stattdessen beschäftigt man sich mit dem geschlachteten Lamm.

Ampelos:
Das ist ein feiner Braten,
den du für uns geholt hast,
doch er wird roh nicht schmecken;
wenn wir nur Feuer hätten!

Ein Blitz fährt in ein paar trockene Äste zwischen ihnen und entzündet sie. Die Satyrn weichen zurück, starren sich fassungslos an und gewinnen nur langsam die Sprache wieder.

Battos (noch mit dem Ring spielend):
Wird hier jedweder Wunsch,
den man äußert, erfüllt,
möchte ich jeden Wein,
alle Frauen der Welt!

Er blickt erwartungsvoll zum Himmel, während Zeus über den dürftigen Flammen erschienen ist.

Zeus:
Wenn dir die Blitze des zornigen Zeus als Erfüllung erscheinen,
dann, lieber Freund, muss es mit deinem Wohle recht sauber bestellt sein!
Ich bin gekommen zu holen, was euch nicht als Spielzeug geeignet
und für die Götter bedeutender ist; drum verlang ich den Ring nun
und auch das Schwert und den Schild Aphrodites dem Gotte zu geben,
der drüber wacht, dass sie nicht in die Hände der Falschen geraten
und dass nicht einer mit ihnen noch weiterhin Schabernack treibe!

Er reißt Battos den Ring aus der Hand und nimmt das Schwert und den Schild, die sich noch immer über Silenos’ Haupt bekämpfen; dieser lehnt sich erschöpft zurück und setzt erneut die Amphore an.

Zeus:
Ihr habt gefunden, was lange ich suchte, drum will ich gewähren
euch einen Wunsch, so wie ihr es gewünscht habt, als ich euch erschienen!

Silenos (setzt kurz ab):
Dann bring ein Fass des besten Weines uns herbei,
ein Fass, das auch im Kreis der Satyrn nie leer wird,
dass wir auf ewig in dem schönsten Rausch schwelgen!

Satyrnchor:
Welch ein Unsinn ist, was du sprichst!
Du verdirbst uns noch unsern Wunsch;
niemals litten wir Satyrn Durst,
der Wein fließt uns stets hier!

Anios:
Eine Gespielin, Zeus,
wünschen wir uns von dir,
die das Wort Nein nicht kennt
und immer willig ist!

Nymphenchor:
Welch ein Unsinn ist, was du sprichst!
Längst schon habt ihr, was ihr verlangt:
welche Nymphe schloss je den Schoß,
welche von uns sagte je Nein?

Ampelos:
Helena hole aus dem
Tartaros, uns zur Freude,
dass sie als unsre Freundin
sämtlichen Satyrn diene!

Das wird ihr mehr gefallen
als dort in Wehen liegen;
sicher wird ihren Rettern
dankbar sie sich erzeigen!

Satyrnchor:
Ja, die Helena hole uns!
Aus des Tartaros’ dunklem Schlund
sei willkommen im Land der Lust:
betrink dich und lieb uns!

Nymphenchor:
Ja, die Helena hole uns!
Was sie Männern so gern getan,
darf sie hier nun den ganzen Tag:
liebe wie wir, trinke wie wir!


© 6234-6235 RT (1993-1994 CE) by Frank L. Ludwig


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